Chinesische Weisheiten
Hohe Weisheiten aus dem fernen Osten, die heute noch ihre Gültigkeit haben.

Dschuang Dsi (370-302? v. Chr.)

Es gibt fünf üble Eigenschaften, die schlimmste davon ist von sich selbst nicht loskommen. Was heißt das? Die nicht loskommen können von sich selbst finden alles gut was sie selber tun, und tadeln alles, was nicht von ihnen kommt. Es gibt acht Dinge, die zu Mißerfolg führen, drei, die sicher zu Erfolg führen und das Leben kann sich sechs verschiedene Wohnungen schaffen. Schönheit Schnurrbart Größe, Beleibtheit Kraft Eleganz, Mut und Abenteuerlust: Wer die andern Menschen in all diesen acht Stücken übertrifft ist sicher zu Mißerfolg verdammt. Fügsamkeit Biegsamkeit und die Furcht, hinter andern zurückzustehen: Diese drei Dinge führen zum Erfolg. Klugheit durchdringt nur das Äußere. Mutiges Handeln zieht viel Mißgunst nach sich. Liebe und Pflicht werden viel beansprucht. Wer die Verhältnisse des Lebens versteht ist groß. Wer die Grenzen des Wissens durchschaut ist geschickt. Wem ein großes Schicksal zuteil wird, möge ihm folgen; wem ein kleines Schicksal zuteil wird, möge es nehmen, wie er es trifft.

Der Urgrund des Seins durchdringt und verbindet. Jede in sich abgeschlossene Vollendung ist dem Untergang verfallen. Wodurch kommt es zu diesen Trennungen? Sie entstehen durch das Streben nach Vollständigkeit. Was führt zu diesem Streben nach Vollständigkeit? Es entsteht dadurch, daß man das Leben vollständig besitzen will. Deshalb geht der als Gespenst um, der sich nur nach außen wendet ohne zu sich selbst zurückzukehren, und hat er erreicht was er draußen sucht dann zeigt sich, daß das, was er erreicht hat, der Tod ist. Wenn er trotz dieser Vernichtung seines Geistes noch körperlich weiter besteht ist er nichts weiter als ein lebendes Gespenst. Wer in seinem Körperlichen das Unkörperliche gestaltet der hat keinen festen Halt. Er geht aus dem Unbedingten hervor und dringt ins Unteilbare ein. Was ohne Unterbrechung erfüllt ist, ist der Raum, was ohne Anfang und Ende dauert ist die Zeit; was existiert im Leben, was existiert im Tod, was existiert im Ausgehen, was existiert im Eingehen, was aus- und eingeht ohne daß man seine Gestalt sehen kann: Das ist die Ewigkeit. Die Ewigkeit ist ohne So-Sein. Alle Einzeldinge gehen aus dem Nicht-So-Sein hervor. Das So-Sein vermag aus sich selbst nicht So-Sein bewirken, es geht notwendig aus dem Nicht-So-Sein hervor. Das Nicht-So-Sein ist eins mit sich selbst. Der Berufene birgt sich darin.

Der Gelbe Kaiser reiste nordwärts vom Roten See, bestieg den Berg Kun-Lun und blickte nach Süden. Auf der Heimreise verlor er seine Zauberperle. Er sandte "Wissen" aus, um sie zu suchen, aber es fand sie nicht. Er sandte "Klarsicht" aus, um sie zu suchen, aber sie fand sie nicht. Er sandte "Redegewalt" aus, um sie zu suchen, aber sie fand sie nicht. Endlich sandte er "Absichtslos" aus, und es fand sie. "Seltsam", sprach der Kaiser, "daß Absichtslos sie finden konnte.

Das Gebet des Weisen:
0 Herr, welcher du die Dinge richtest doch gerecht nicht bist Der du alles bildet und schichtest, doch nicht kunstreich bist, Der du segnend dich offenbarst, doch nicht gütig bist Der du vor aller Urzeit warst doch alt nicht bist: In dir wandeln wir.

Erkenntnis wanderte im Norden an den Ufern des dunklen Wassers und bestieg den Berg des steilen Geheimnisses. Da begegnete sie dem schweigenden Nichtstun. Erkenntnis redete das schweigende Nichtstun an und sprach: "Ich möchte dir eine Frage stellen. Was muß man sinnen, was denken, um den Urgrund des Seins zu erkennen? Was muß man tun und was lassen, um im Urgrund des Seins zu ruhen? Welche Straße muß man wandern, um den Urgrund des Seins zu erlangen?" Dreimal fragte sie, und das schweigende Nichtstun antwortete nicht. Nicht daß es absichtlich die Antwort verweigert hätte; es wußte keine Antwort. Erkenntnis konnte deshalb nicht weiter fragen und kehrte um. Da kam sie im Süden an das weiße Wasser und bestieg den Berg der Zweifelsendung. Da erblickte sie Willkür. Erkenntnis stellte dieselben Fragen an Willkür. Willkür sprach: "Oh, ich weiß es; ich will es dir sagen' Aber als sie reden wollte, vergaß sie, was sie sagen wollte, und Erkenntnis konnte nicht weiter fragen. Da kehrte sie zurück zum Schloß des Herrn, trat vor den Herrn der gelben Erde und fragte ihn. Der Herr der gelben Erde sprach: "Nichts sinnen, nichts denken; so erkennst du den Urgrund des Seins; nichts tun und nichts lassen; so ruhst du im Urgrund des Seins; keine Straße wandern: So erlangst du den Urgrund des Seins. Erkenntnis fragte den Herrn der gelben Erde:"Wir beide wissen es, jene beiden wußten es nicht. Wer hat recht?" Der Herr der gelben Erde sprach: "Schweigendes Nichtstun hat wirklich recht; Willkür beinahe; wir beide erreichen es ewig nicht.' Erkenntnis fragte den Herrn der gelben Erde: "Wieso erreichen wir es nicht?" Der Herr der gelben Erde sprach: "Das schweigende Nichtstun hat wirklich recht weil es kein Erkennen hat; Willkür kommt ihm nahe, weil sie Vergessen hat; wir beide erreichen es ewig nicht weil wir Erkennen haben.'

Die früher ihr Selbst zu wahren wußten, schmückten nicht durch Beweise ihr Wissen. Sie suchten nicht mit ihrem Wissen die Welt zu erschöpfen und suchten nicht mit ihrem Wissen das Leben zu erschöpfen. In großer Höhe weilten sie an ihrem Platz und kehrten zu ihrer Natur zurück. Was hätten sie auch handeln sollen? Der Urgrund des Seins besteht wahrlich nicht aus kleinen Tugenden; das Leben besteht wahrlich nicht aus kleinen Erkenntnissen. Kleine Erkenntnisse schädigen das Leben; kleine Tugenden schädigen den Urgrund des Seins. Deshalb heißt es: Sich selbst recht machen ist alles. Höchste Freude ist das Ziel zu erreichen. Das, was die Alten als Erreichung des Ziels bezeichneten, waren keine Staatskarossen und Kronen, sondern einfach die Freude, der nichts zugefügt werden kann. Das, was man heute unter Erreichung des Ziels versteht sind Staatskarossen und Kronen. Staatskarossen und Kronen aber sind nur etwas Äußerliches und haben nichts mit dem wahren Leben zu tun. Was der Zufall von außen bringt ist nur vorübergehend. Das Vorübergehende soll man nicht abweisen, wenn es kommt und nicht festhalten, wenn es geht. Deshalb soll man nicht um äußerer Auszeichnung willen selbstsüchtig in seinen Zielen werden, noch um äußerer Not und Schwierigkeiten willen. Dann ist unsere Freude die gleiche im Glück und Unglück, und man ist frei von allen Sorgen. Heute aber verlieren die Leute ihre Freude, wenn das Vorübergehende sie verläßt. Von diesem Gesichtspunkt aus sind sie auch in ihrer Freude immer in Unruhe. Deshalb heißt es: Die ihr Selbst verlieren an die Außenwelt die ihr Wesen preisgeben an die andern: Das sind verkehrte Leute.

Ein Weiser aus dem fernen Süden wanderte nach dem Staat Tsi. Als er in Lu übernachtete, kamen Leute, um ihn zu sehen. Er aber lehnte ab und sprach: "Ich höre, daß die Herren im Reich der Mitte sich vorzüglich auf allerlei Umgangsformen verstehen, aber sie sind gänzlich unzureichend, was die Kenntnis des Menschenherzens erlangt. Ich will sie nicht sehen' Er kam nach dem Staate Tsi und kehrte zurück. Als er abermals in Lu übernachtete, baten ihn dieselben Leute wieder, ihn sehen zu dürfen. Da sprach er: "Kürzlich baten sie, mich zu sehen, und jetzt tun sie es wieder; die wollen mir sicher etwas geben' ' Deshalb ging er hinaus und empfing die Gäste. Als er wieder in sein Zimmer zurückkehrte, seufzte er. Am nächsten Tag empfing er wieder Gäste. Als er in sein Zimmer ging, seufzte er wieder. Da fragte ihn sein Diener: "Immer wenn Ihr Gäste empfangen habt, geht Ihr seufzend ins Zimmer zurück. Was ist der Grund dafür?" Jener antwortete: "Ich habe es gleich gesagt daß die Leute im Reich der Mitte sich auf allerlei Umgangsformen vorzüglich verstehen, aber sie sind gänzlich unzureichend, was die Kenntnis des Menschenherzen anlangt. Die da eben gekommen waren, um mich zu besuchen, waren in allen ihren Bewegungen abgezirkelt und steif; in ihren Mienen waren sie so geheimnisvoll wie ein Drache oder ernst wie ein Tiger. Sie machten mir Vorstellungen wie Söhne und sie suchten mich zu leiten wie Väter; deshalb seufzte ich" Kung Dsi besuchte ihn ebenfalls, aber er sprach kein Wort. Da sagte Dsi Lu: "Ihr hattet schon lange den Wunsch jenen Weisen zu sehen, Meister. Nun habt ihr ihn gesehen und habt kein Wort gesprochen. Was war der Grund?" Kung Dsi sprach: "Sobald ich einen Blick auf diesen Mann warf, sah ich den ewigen Urgrund des Daseins hervorleuchten. Da war alles Reden übertlüssig.'

Dung Go Dsi fragte Dschuang Dsi: "Was du den Urgrund des Seins nenns - wo ist es zu finden?" Dschuang Tsi antwortete:"Es gibtnichts, wo es nicht wäre.“ "Nenn mir doch ein Beispiel", sagte Dung Go Dsi. "Es ist in dieser Ameise." "Tiefer!" "Es ist in diesen Unkraut.“ "Noch tiefer!" "Es ist in diesen Tonscherben." "Noch tiefer!" "Es ist in diesem Kothaufen", sagte Dschuang Dsi. Dung Go Dsi schwieg. "Deine Frage, Herr," sprach Dschuang Dsi weiter",rührt nicht an das Wesen. Wenn Huo, der Oberaufseher der Märkte, den Marktleiter über die Fettheit der Schweine befragte, wurde die Probe an den Teilen gemacht von denen man Fettheit am wenigsten voraussetzen konnte. Versuche nichts Besonderes hervorzuheben: Es gibt kein Ding, das sich versagte. So ist der vollkommene Urgrund des Seins. So ist auch das urbildliche Wort. Ganzheit Vollständigkeit Allheit, das sind die Namen, die verschieden klingen und doch das gleiche bezeichnen. Ihr Sinn ist das Eine. Versuche mit mir das Schloß des Nirgendwo zu erreichen, da, inmitten der Einheit der Dinge, führe dein Gespräch ins Unendliche. Versuche mit mir Nichttun zu üben, worin du unbewegt ruhen kannst sorgenfrei und glückselig. Da wird mein Geist abgelöst. Er wandert nicht und ist doch des Ruhens unbewußt. Er kommt und geht und ist doch des Einhalts unbewußt. Rückwärts, vorwärts, alles Zieles unbewußt - auf und nieder im Schrankenlosen, wo auch der größte Gedanke kein Ende finden kann. Dasjenige, was die Dinge dazu macht, was sie sind, ist nicht in den Dingen selbst beschränkt. Die Schranken der Dinge begrenzen nur die Dringlichkeit. Der Urgrund des Seins ist die Schranke des Schrankenlosen, die Schrankenlosigkeit des Beschränkten. Wir reden von Fülle und Leere, Erneuung und Verfall. Der Urgrund des Seins wirkt Fülle und Leere, aber er ist weder Fülle noch Leere. Er wirkt Erneuung und Verfall, aber er ist weder Erneuung noch Verfall. Er wirkt Wurzel und Krone, aber er ist weder Wurzel noch Krone. Er wirkt Sammlung und Zerstreuung, aber er ist weder Sammlung noch Zerstreuung'

Urreinheit des Grenzenlos: "Kennst du den Urgrund des Seins?" "Ich weiß nicht", sagte Grenzenlos. Urreinheit fragte Tatenlos: "Kennst du den Urgrund des Seins?" "Ich kenne den Urgrund des Seins", sagte Tatenlos. "Ist da Gegenstand", fragte Urreinheit "um den Urgrund des Seins zu wissen?" "Da ist Gegenstand", sagte Tatenlos. "Welcher ist es?" fragte Urreinheit. "Ich weiß", sagte Tatenlos, "daß der Urgrund des Seins ehrt und entehrt, bindet und löst. Das ist mein Gegenstand, um den Urgrund des Seins zu wissen' ' Urreinheit wiederholte Ursprunglos diese Worte und fragte: "Wer ist im Recht das Unwissen von Grenzenlos oder das Wissen von Tatenlos?" Ursprunglos antwortete: "Nichtwissen ist tief. Wissen ist seicht. Nichtwissen ist innerlich. Wissen ist äußerlich' Urreinheit seufzte und sprach: "Dann ist Unwissen Wissen und Wissen Unwissen! Aber sage mir: Was für ein Wissen ist das Wissen des Nichtwissenden?" Ursprunglos antwortete: "Der Urgrund des Seins kann nicht gehört werden. Was gehört werden kann, ist nicht der Urgrund. Er kann nicht gesehen werden. Was gesehen werden kann, ist nicht der Urgrund des Seins. Er kann nicht gesagt werden. Was gesagt werden kann, ist nicht der Urgrund. Was den Gestalten Gestalt gibt ist selbst gestaltlos; der Urgrund des Seins ist namenlos' Ursprunglos sprach weiter: "Wer einem antwortet der nach dem Urgrund fragt kennt den Urgrund nicht. Mag einer auch von dem Urgrund hören, in Wahrheit hört er nichts davon. Um ihn gibt es keine Fragen, über ihn gibt es keine Antworten. Das Unfragbare ist eitel. Das Unbeantwortbare ist wesenlos. Wer zum Eitlen das Wesenlose fügt, hat keine äußere Wahrnehmung des Zusammenhangs, der hat keine innere Wahrnehmung des Urgrunds, - der wird den Gipfel des heiligen Berges nicht ersteigen, der wird sich in die große Leere schwingen'

Li Dsi sagte zu Kun-Yin: "Der Vollendete wandert ohne gehemmt zu werden durch das Starre, durchschreitet ohne versengt zu werden Feuer, tritt ohne zu zittern in den Lüften einher. Wie erlangt er das?" Kun-Yin antwortete:"Das kommt weil er die unbedingte Reinheit bewahrt hat. Es ist nicht List und nicht Geschicklichkeit. Setze dich, ich will es dir erklären. Was Gestalt Schall und Farbe hat wird Ding genannt. In einem sind alle Dinge gleich: Keines kann das Sein erreichen, welches jenseits ihrer aller ist: sie sind nur das, was sie erscheinen. Der Mensch allein kann formlos und unwandelbar werden. Wenn einer dies in Vollkommenheit erreichen kann, wie könnten die Dinge ihn hemmen? Er verharrt in seinem Gesetz und wohnt in der endlosen Verborgenheit. Er umfaßt den Anbeginn und das Ende alles Seienden. Er bringt sein Wesen zur Einheit und nährt daraus seine Lebenskraft er sammelt seine Tugend und dringt durch zum Schaffen. Wenn so sein Himmlisches ohne Fehler, sein Geist ohne Bresche ist wie könnten die Dingen in ihn noch eintreten? Ein betrunkener Mann, der vom Wagen fällt kann verwundet werden, er wird nicht sterben. Seine Knochen und Gelenke sind, wie die der andern, aber der Schaden ist unterschiedlich, sein Geist wurde nicht berührt. Er wußte nicht daß er in den Wagen stieg; er weiß nicht daß er aus ihm fiel. Tod und Leben, Angst und Bestürzung dringen nicht in seine Brust. Er bleibt im Herzen unverletzt. Wenn man dies vom Wein erlangen kann, wieviel mehr vom Himmel! Der Weise ist im Himmel geborgen und nichts kann ihm schaden. Ein Rächer zerbricht nicht das Schwert das gemordet hat; der Jähzornigste läßt seinen Unwillen nicht an dem Ziegel aus, der ihm auf den Kopf gefallen ist. Unter diesem Grundsatz wäre das Reich in Frieden; es gäbe keine Kriegswirren, keine Todesstrafe mehr."

Nan Be Dsi Ki sagte zu Nü-Yü: "Du bist a14 und doch hast du ein Angesicht wie das eines Kindes. Wie geht das zu?" Nü-Yü antwortete: "Ich habe den Urgrund des Seins erfahren" "Könnte ich den Urgrund durch Lernen gewinnen?" fragte der andre. „Du kannst es nicht", sagte Nü-Yü. "Du bist nicht der richtige Mensch dafür. Da war Pu-Liang-l. Er hatte alle Eigenschaften eines Weisen, aber den Urgrund nicht. Nun hatte ich den Urgrund, allerdings keine der Eigenschaften. Aber glaubst du, ich wäre, wie ich es wünschte, fähig gewesen, ihm, damit er ein vollkommener Weiser würde, den Urgrund des Seins zu lehren? Dann wäre es freilich leicht einen, der alle Eigenschaften eines Weisen hat den Urgrund zu lehren. Ich teilte mit als hielte ich zurück. Nach drei Tagen hatte die Scheidung der Dinge für ihn aufgehört zu sein. Als er dieses erreicht hatte, hielt ich wieder zurück. Nach sieben weiteren Tagen hatte das Außen für ihn aufgehört zu sein. Und wiederum nach neun Tagen schritt er aus dem eignen Sein hinaus. Da wurde sein Geist strahlend wie der Morgen, und er schaute das Wesen, sein Ich, von Angesicht zu Angesicht. Als er gesehen hatte, wurde er ohne Vergangenheit und Gegenwart. Er betrat endlich das Reich, wo Tod und Leben nicht mehr sind, wo man das Leben töten kann, ohne zu sterben, und es erzeugen, ohne zu leben. Da geleitet da findet da zerstört da erbaut der im Urgrund des Seins ist alle Dinge. Der Zerschmettert Unberührte ist sein Name, und seine Bahn ist Vollendung'

Gibt es auf der Welt Überhaupt ein höchstes Glück, oder gibt es keines? Gibt es einen Weg, um sein Leben zu wahren, oder gibt es keinen? Was soll man tun, an was soll man sich halten? Was soll man meiden, wo soll man bleiben? Wem soll man sich zuwenden, von was soll man sich abwenden? Über was soll man glücklich sein, was als Unglück betrachten? Was man auf der Welt hochzuhalten pflegt ist Reichtum, Ehre, langes Leben, Tüchtigkeit. Was man für Glück zu halten pflegt ist ein gesunder Leib, Genüsse der Nahrung, schöne Kleider, Augenlust und die Welt der Töne. Armut Niedrigkeit früher Tod und Schlechtigkeit hält man für unwert. Unglück ist wenn der Leib nicht sein Behagen, wenn der Mund nicht seine Genüsse findet wenn man sich nicht in schöne Kleider hüllen, wenn man sich nicht ergötzen kann an schönen Farben und der Welt der Töne. So härmen sich die, denen diese Dinge nicht zuteil werden, mit viel Kummer und Furcht ab. In der Sorge um das Leben sind sie zu Toren geworden. Die Reichen mühen sich in harter Arbeit ab und sammeln viele Schätze, welche sie doch nicht aufbrauchen können. In der Sorge um das Leben haben sie sich an die Außenwelt verloren. Die Vornehmen fügen die Nacht zum Tag, um darüber nachzudenken, was sie fördert und was sie hindert. In der Sorge um das Leben werden sie sich selber fremd. Bei der Geburt des Menschen wird das Leid zugleich mit geboren. Erreicht daher einer ein hohes Alter, wird er nur stumpf und schwachsinnig, und sein langes Leid stirbt nicht. Was ist dies für eine Bitternis! In der Sorge um das Leben bleibt er doch fern vom Ziel. Helden gelten auf der Welt als tüchtig, aber sie sind nicht imstande, ihr eigenes Leben zu wahren. Ich weiß nicht ob ihre Tüchtigkeit in Wahrheit Tüchtigkeit ist oder ob sie nicht in Wahrheit Untüchtigkeit ist. Bezeichnet man sie als tüchtig, steht dem entgegen, daß sie nicht imstande sind, ihr eigenes Leben zu wahren; bezeichnet man sie andererseits als untüchtig, steht dem entgegen, daß sie imstande sind, anderer Menschen Leben zu wahren. Deshalb heißt es: Bleibt treue Warnung ungehört sitze still und laß den Dingen ihren Lauf, ohne zu streiten; schon mancher hat sich durch Streiten ums Leben gebracht. Streitet man jedoch nicht, so macht man sich auch keinen Namen. Also bleibt es bei der Frage: Gibt es in Wahrheit Tüchtigkeit oder nicht? Nun weiß ich nicht ob das, was die Welt tut was sie für Glück hält tatsächlich Glück ist oder nicht. Wenn ich betrachte, was die Welt als Glück ansieht sehe ich wohl, wie die Menschen in Herden diesem Ziele nachstreben und ihr Leben in die Schanze schlagen, als könnte es nicht anders sein, und alle sprechen, dies sei das Glück. Aber Glück und Unglück sind für mich noch nicht in diesen Dingen. Gibt es tatsächlich Glück oder nicht? Ich halte das Nicht-Handeln für wahres Glück, also gerade das, was die Welt für die größte Bitternis hält. Deshalb heißt es: Höchstes Glück ist Abwesenheit des Glücks, höchster Ruhm ist Abwesenheit des Ruhms, Recht und Unrecht auf der Welt lassen sich tatsächlich nicht bestimmen. Immerhin, durch Nicht-Handeln kann Recht und Unrecht bestimmt werden. Höchstes Glück und Wahrung des Lebens ist nur durch Nicht-Handeln zu erhoffen. Der Himmel gelangt durch Nicht-Handeln zur Reinheit; die Erde gelangt durch Nicht-Handeln zur Festigkeit. Wenn die beiden durch Nicht-Handeln sich so einigen, so entsteht die Wandlung aller Geschöpfe. Unsichtbar, unfaßlich gehen sie aus dem Nicht-Sein hervor; unfaßlich sind die Ideen im Nicht-Sein. Alle Geschöpfe in ihrer unerschöpflichen Fülle wachsen aus dem Nicht-Handeln hervor. Deshalb heißt es: Himmel und Erde verharren im Nicht-Tun, und nichts bleibt ungetan. Wer unter den Menschen vermag es, das Nicht-Tun zu erreichen?

Der Herr der gelben Erde ging aus, um den großen Erhabenen auf dem Berg der Vollkommenheit zu suchen. Gesicht war sein Wagenlenker, Gehör war der dritte Wagen, Geruch und Geschmack waren Vorreiter, Gefühl und Verstand bildeten die Nachhut. Als sie zu den Steppen am Ende der Welt kamen, verirrten sie sich und wußten nicht wen sie nach dem Wege fragen sollten. Zufällig begegneten sie einem Knaben, welcher Pferde hütete. Sie fragten ihn nach dem Weg: "Kennst du den Berg der Vollkommenheit?" Er antwortete: "Ja.' "Kennst du den Aufenthalt des großen Erhabenen?" Er antwortete: "Ja' Der Herr der gelben Erde sprach:"Seltsamer Knabe! Du kennst nicht nur den Berg der Vollkommenheit sondern kennst auch noch den Aufenthaltsort des großen Erhabenen. Darf ich fragen, wie man die Welt regiert?" Der kleine Knabe antwortete: "Diejenigen, die die Welt regieren, machen es ebenso wie ich. Was ist da auch weiter dabei? Als ich noch jünger war, trieb ich mich in der Welt des Raumes umher. Da erkrankte ich an Schwachsichtigkeit. Da belehrte mich ein Älterer: Du mußt den Wagen der Sonne besteigen und dich in den Steppen am Ende der Welt umhertreiben' Nun ist meine Krankheit wieder ein wenig besser, und ich wandle wieder wie damals jenseits der Welt des Raumes. Die Welt regieren ist genau das gleiche. Doch was habe ich damit zu tun!" Der Herr der gelben Erde sprach: "Die Regierung der Welt ist allerdings nicht dein Geschäft mein Sohn, und doch will ich dich fragen, wie man die Welt regiert.' Der kleine Knabe lehnte die Antwort ab. Als der Herr der gelben Erde abermals fragte, antwortete der kleine Knabe: "Die Regierung der Welt unterscheidet sich durch nichts vom Pferdehüten. Man muß einfach nur fernhalten, was den Pferden schaden kann. Nichts weiter." Da verneigte sich der Herr der gelben Erde zweimal bis zum Boden, nannte ihn seinen himmlischen Meister und zog sich zurück.

Die Familie Dschuang Dschous war arm. Deshalb ging er, um Getreide beim Aufseher des Flusses zu entleihen. Der Aufseher des Flusses sprach: "Ich werde bald Steuergeld bekommen, dann will ich Euch dreihundert Lot Silber leihen. Ist das recht?" Da stieg dem Dschuang Dschou Ärger ins Gesicht und er sprach: " Als ich gestern hierherkam, rief mich jemand mitten auf der Straße an. Ich blickte um und sah eine Grundel in einem Wagengeleise liegen. Ich fragte sie und sprach: Ei, sieh da, eine Grundel! Was macht Ihr denn da?'Der Fisch antwortete:,Ich bin Wellenfürst des Ostmeeres. Herr, habt ihr nicht einen Eimer Wasser, um mich am Leben zu erhalten?'lch antwortete:,Ja, ich will nach Süden gehen, um die Könige des Südlandes zu besuchen, dann will ich vom Wasser des Weststromes schöpfen und es Euch bringen. Ist es recht?' Der Grundel stieg der Ärger ins Gesicht und sie sprach: Ich habe mein Element verloren und kann mir nicht helfen. Wenn ich einen Eimer Wasser bekäme, bliebe ich am Leben. Aber ehe Ihr Euer Anerbieten ausgeführt habt Herr, könnt Ihr längst in einer Fischhandlung, in der es getrocknete Fische gibt, nach mir suchen."'

Es war einmal ein Mann, der vor den König von Sung trat. Dieser schenkte ihm zehn Wagen. Da er nun zehn Wagen hatte, behandelte er den Dschuang Dsi hoffärtig und kindisch. Dschuang Dsi sprach: "Am gelben Flusse lebte eine Familie, welche arm war und sich von Schilfflechten ernährte. Der Sohn tauchte einmal an einer tiefen Stelle und fand eine Perle, welche tausend Lot Silber wert war. Da sprach der Vater zu dem Sohn: Bring einen Stein und schlage sie entzwei! Eine solche Perle gibt es nur am tiefsten Grunde am Halse des schwarzen Drachen. Sicher kommt es daher, daß du sie gefunden, weil du ihn schlafend getroffen hast. Laß den schwarzen Drachen erwachen: Was wird es dann für Folgen für dich haben? Nun aber ist der Staat Sung ein Abgrund, so tief wie kein anderer, und die Weisheit des Königs von Sung ist schlimmer, als die des schwarzen Drachen. Daß Ihr die Wagen erhalten habt kommt sicher daher, daß Ihr ihn schlafend getroffen. Laßt den König von Sung erst aufwachen, so werdet Ihr zu Pulver zermahlen' "

Hui-Dsi sagte zu Dschuang-Dsi: "Herr, ich habe einen wertlosen großen Baum. Sein Stamm ist so uneben und knorrig, daß er nicht zu Brettern taugt; seine Äste sind so gewunden, daß sie keine Nutzteilung zulassen. Er steht an der Landstraße und kein Zimmermann sieht ihn an. Deine Worte, Herr, sind so wie dieser Baum: Groß und nutzlos, von keinem zu gebrauchen" Dschuang Dsi antwortete: "Herr, hast du nie eine Wildkatze gesehen, welche geduckt auf ihre Beute lauert? Nach rechts, nach links springt sie von Zweig zu Zweig, hinauf, hinab, - bis sie zufällig in eine Falle gerät oder in einer Schlinge verendet. Da ist da aber der Büffel mit seinem massigen Leib, welcher wie eine Wolke den Himmel verdunkelt. Er kann gerechterweise groß genannt werden. Aber auf den Mäusefang versteht er sich natürlich nicht. Wohlan: Hast du einen großen Baum und weißt nicht, was du damit beginnen sollst - weshalb pflanzest du ihn nicht in eine einsame und schattenlose Wildnis? Dort könntest du müßig zu seinen Füßen schlendern oder im Genuß ungestörten Behagens in seinem Schatten schlafen. Keiner braucht da an Beil und Axt zu denken; du wärest mit ihm jenseits von Nutzen und Schaden'

Nordheim der Fertige fragte den Herrn der gelben Erde: "Eure Majestät führten in den Gefilden des Dung Ting Sees die Musik der Sphärenharmonien auf. Als ich den ersten Satz hörte, bekam ich Angst; als ich den zweiten Satz hörte, wurde ich erschöpft; als ich den letzten Satz hörte, wurde ich verwirrt. Unaussprechliche Unendlichkeitsgefühle stiegen in mir hoch und ich verlor mich selbst ' ' Der Herrscher sagte: "Es konnte nicht anders sein. Ich machte die Musik mit menschlichen Mitteln, stellte jedoch Himmlisches dar. Ich ordnete ihre Bewegungen nach den Regeln der Kunst gab ihr Gehalt durch die große Reinheit. Die höchste Musik entspricht zunächst den menschlichen Geschäften; sie paßt sich an die Ordnungen des Himmels an. Sie verwandelt sich nach den verschiedenen Daseinsfortnen und entspricht der Freiheit. Danach ordnet sie die Jahreszeiten und bringt Harmonie in alle Geschöpfe. Die Jahreszeiten treten nacheinander auf, die Geschöpfe entstehen in ihrem Lauf. Der Wechsel von Blüte und Untergang wird durch friedliche und kriegerische Klänge bezeichnet. Mal rein, mal trüb zeigt sie die Harmonie der lichten und dunklen Weltkraft. Ihr Ton ist wie fließender Glanz. Die Larven der Insekten beginnen sich zu regen; ich schreckte sie durch Donner und Blitz auf. Das Ende wurde nicht durch einen Schluß bezeichnet. Der Anfang hat keine Einleitung. Mal Tod, mal Leben; mal schien sie aufzuhören, mal wieder zu beginnen. Was ewig und unerschöpflich ist das kann nicht durch eine Weise ausgedruckt werden. Darum bekamst du Angst. Beim zweiten Satz folgte meine Musik der Harmonie der lichten und dunklen Urgewalt. Ich ließ darin den Schein von Sonne und Mond leuchten; ihre Töne vermochten so mal kurz, mal lang, mal weich mal stark sein. Sie wechselten und veränderten sich und blieben doch in einer Tonart. Es war kein vorherrschendes Motiv darin, es gab eine ewige Melodie. Sie erfüllte die Täler, sie erfüllte die Schluchten; sie stillte das Sehnen, sie bewahrte den Geist; sie gab allen Dingen Maß. Ihre Klänge waren breit verhallend und ihr Ton hoch und klar. Deshalb wahrten die Geister und Götter ihre Verborgenheit. Sonne, Mond und Sterne verwandelten ihre Bahnen. Ich setzte ihnen durch die Endlichkeit ihre festen Grenzen. Ich ließ sie durch die Unaufhörlichkeit strömen. Du wolltest sie erfassen, du konntest sie aber nicht begreifen; du schautest danach, konntest aber nichts sehen; du folgtest ihr, konntest sie aber nicht erreichen. Darum standest du überwältigt am Weg zum Nichts. Du lehntest dich auf deine Laute und summtest mit. Dein Augenlicht erschöpfte sich, indem du sehen wolltest. Da ich dir unerreichbar war, behieltest du nur die äußere Form, dein Inneres wurde leer. Du wurdest wie die abgestreifte Hülle einer Zikade, und du wurdest erschöpft. Beim dritten Satz hatte meine Musik Töne, welche keine Erschöpfung aufkommen ließen. Ich stimmte sie auf das Gesetz der Freiheit ein. Deshalb folgten sich die Töne wie sprudelnde Quellen, wie üppig sprossende Pflanzen, wie die Freude der Wälder, welche den Blicken verborgen ist. Sie breitete in ihren Bewegungen sich aus und ließ keine Spur zurück. Tief, dämmernd und ohne Klang bewegte sie sich im Jenseits und verweilte in dunklen Tiefen. Der eine kann dies für Tod gehalten, der andere für Leben, der eine für Wirklichkeit ein anderer für Schein. Die Töne flossen aufgelöst dahin. Ohne vorherrschendes Motiv war es eine ewige Melodie. Die Welt versteht diese nicht und muß sie deshalb zu Beurteilung dem Berufenen überlassen. Der Berufene erfaßt ihre Gefühle und kann ihren Gesetzen folgen.

Yen Hsi sagte zu Kung Dsi: "Als ich über die Stromschnelle von Tschang-Schen fuhr, da lenkte der Fährmann sein Boot so behende wie ein Geist. Ich fragte ihn, ob man solch eine Führung eines Bootes lernen könne. ,Man kann es', erwiderte er. Die Haltung jener, welche ein Fahrzeug über Wasser halten können, ist als wollten sie es dem Sinken preisgeben. Sie rudern, als wäre das Boot gar nicht da.' Aber was ich wissen wollte, das sagte er mir nicht. Darf ich nach der Bedeutung fragen?" "Es bedeutet", erwiderte Kung Dsi, "daß so ein Mann das Wasser um sich herum vergißt. Er sieht die Stromschnelle, als wäre sie festes Land. Er betrachtet das Kentern wie das Festfahren eines Wagens. Kentern oder Festfahren, wer so davon unberührt ist welche Ufer sollte der nicht sicher erreichen können? Ein Mann, welcher um Tonscherben spielt, wird gut spielen. Wenn er eine Erzspange einsetzt dann wird er unruhig sein. Wenn er Gold einsetzt dann wird er verwirrt sein. Sein Geschick ist immer dasselbe, er ist jedoch vom Wert seines Einsatzes aufgerührt. Wer dem Äußern Gewicht gibt der wird im Innern hilflos.'

Was Menschen von außen widerfährt, läßt sich nicht sicher bestimmen. Gute und Böse werden gleich von Unglück betroffen. Ptlichttreue ist eine Eigenschaft, die sich jeder Herr bei seinem Diener wünscht; ein pflichtgetreuer Diener findet aber nicht immer Glauben. Deshalb hat schon mancher den Tod in der Verbannung erlitten. Kindliche Gesinnung ist eine Eigenschaft die sich alle Eltern bei ihren Kindern wünschen; ein Sohn, der kindlich seinen Eltern dient wird aber durchaus nicht immer von ihnen geliebt. Deshalb hat schon so mancher bittern Gram zu erdulden gehabt. Wenn Holz an Holz gerieben wird, entsteht Feuer; wenn Metall unter der Einwirkung des Feuers steht wird es flüssig; wenn Trübes und Lichtes ungeordnet durcheinanderwirken, kommen Himmel und Erde in Aufruhr. So entsteht des Donners Krachen, und mitten von Wasserströmen zuckt Feuer auf, welches die alten Eichen verzehrt. So ist es auch bei den Menschen. Sie stehen bekümmert zwischen zwei Abgründen, woraus sie nicht fliehen können, sie zappeln sich müde, ohne etwas fertig zu bringen, das Herz hängend zwischen Himmel und Erde, zwischen Trost und Trauer, in Schwierigkeiten versenkt. Gewinn und Schaden reiben einander und entfachen ein großes Feuer, welches den inneren Frieden der Menschen der Masse verzehrt. Das stille Mondlicht vermag nicht gegenüber dem Flackerschein des Feuers aufzukommen, sie brechen zusammen, und ihr Weg endet.

Wer die Bedingungen des Lebens versteht, wird sich nicht mühen um Dinge, die für das Leben sind. Wer die Bedingungen des Schicksals kennt wird sich nicht mühen um die Dinge, die wir nicht wissen können. Angewiesen sind wir auf Besitz, um unseren Leib erhalten zu können, und doch geschieht es, daß einer Besitz hat im Überfluß und damit doch nicht seinen Leib erhalten kann. Wir sind darauf angewiesen, um das Leben zu erhalten, daß unser Leib nicht von uns getrennt wird, und doch geschieht es, daß einer nicht von seinem Leib getrennt wird und daß doch sein Leben zugrunde geht. Wenn das Leben kommt läßt es sich nicht abweisen; wenn es geht läßt es sich nicht festhalten. Ach, daß die Menschen der Welt denken, daß es genüge, den Leib zu pflegen, um das Leben zu erhalten! In Wirklichkeit reicht die Pflege des Leibes nicht, um das Leben zu erhalten. Darum reicht es nicht so zu handeln wie die Welt. Wer aber, obwohl es nicht der Mühe lohnt zu handeln, es dennoch nicht über sich bringt, nicht zu handeln, der entgeht dem Handeln nicht. Wer dem Handeln um des Leibes willen entgehen will, tut am besten, die Welt aufzugeben. Gibt man die Welt auf, wird man frei von Verstrickungen. Ist man frei von Verstrickungen, erreicht man Gerechtigkeit und Frieden. Hat man Gerechtigkeit und Frieden, findet man die Wiedergeburt im Urgrund des Seins. Wer wiedergeboren ist ist am Ziel. Und warum lohnt es sich, die Geschäfte aufzugeben und dem Leben den Rücken zu kehren? Denn gibt man die Weltgeschäfte auf, bleibt der Leib frei von Mühen. Kehrt man dem Leben den Rücken, bleibt die Keimkraft aber Verlust. Wer völlig ist in seinem Leib und seine Keimkraft wieder erlangt hat, wird eins mit dem Himmel. Himmel und Erde sind Vater und Mutter aller Geschöpfe; wenn sie sich vereinigen, entsteht ein leibliches Gebilde; trennen sie sich wieder, entsteht der Anfang zu etwas Neuem. Wenn Leib und Keimkraft ohne Verlust bleiben, haben wir den Zustand, von dem es heißt, daß man imstande ist die Lebenskräfte zu übertragen. Wer zu dem Lebenskeim des Lebenskeimes dringt kehrt zurück zu Fähigkeit, Gehilfe des Himmels zu sein.

Yen Hui wandte sich an Kung Dsi und sprach:"Wenn Ihr Euer Pferd im Schritt gehen laßt reite ich neben Euch; nehmt Ihr Trab, trabe ich mit; galoppiert Ihr, galoppiere ich mit; wenn aber Ihr dahinfliegt und den Staub der Erde hinter Euch laßt muß ich zurückbleiben und kann Euch nur staunend nachsehen, Meister." Der Meister sprach: "Was meinst du damit?" Yen Hui sprach: "Mit dem Schreiten meine ich das Reden; in Euren Reden kann ich Euch folgen. Mit dem Trab meine ich das Beweisen; wenn Ihr beweist kann ich Euch folgen. Mit dem Galoppieren meine ich das Reden über den Urgrund des Seins, wenn Ihr den Urgrund des Seins redet kann ich Euch folgen. Was betrifft, daß Ihr dahinfliegt und den Staub der Erde hinter Euch laßt und ich Euch nur bewundernd nachsehen kann, meine ich, daß Ihr nicht zu reden braucht um Glauben zu finden, daß Ihr Euch nicht anzuschließen braucht um allgemeine Liebe zu finden, daß Ihr keiner bestimmten Mittel bedürft um die Leute zum Fortschritt zu bringen. Das alles bringt Ihr zuwege, ohne daß ich erkenne, wie es geht ' ' Kung Dsi sprach: "Warum solltest du das nicht herausbringen können? Es gibt kein größeres Leid als den Tod der Seele. Der leibliche Tod kommt erst in zweiter Linie. Die Sonne geht im Morgen auf und geht im Abend unter, alle Geschöpfe richten sich nach ihr. Alles, was Augen und Füße hat wartet auf sie, um sein Werk zu vollbringen. Sie kommt hervor, des Tages Leben beginnt; sie steigt hinunter, das Leben erlischt. So haben alle Geschöpfe auch in sich eine Kraft die bewirkt daß sie sterben, und zum Leben kommen. Sobald nun aber das Einzel-Ich eine feste körperliche Form angenommen hat wird in ihm diese Kraft während der ganzen Dauer seiner Existenz starr. Ihre Regungen sind bedingt durch die Wechselwirkungen mit der Außenwelt. Tag und Nacht geht es in ununterbrochenem Wechsel fort und niemand kann wissen, wann es zu Ende ist. Der Mensch ist umnebelt von dieser festen körperlichen Form. Er kann wohl ihre Gesetze erkennen, aber er kann nicht vorausbestimmen, welche Ereignisse in Zukunft eintreten werden. Auf diese Weise fließt die Zeit dahin. Wenn ich nun so mein Leben lang Arm in Arm mit dir gehe, und wir sollten uns schließlich verlieren, wäre das nicht traurig? Du läufst Gefahr, das Äußerliche zu wichtig zu nehmen; was aber an mir äußerlich hervortritt ist im selben Augenblick schon vergangen, und wenn du danach suchst und meinst, du könntest es besitzen, so ist das ebenso, als wolltest du ein Pferd auf dem Marktplatz suchen. Was ich an dir bewundere, fällt der Vergessenheit anheim; was du an mir bewunderst, fällt auch der Vergessenheit anheim. Warum willst du dich darüber kümmern? Obwohl das sterbliche Ich der Vergessenheit anheimfällt ist im meinem Ich doch etwas, was nicht der Vergessenheit anheimfällt, sondern dauert

Tien Kai Dschi besuchte den Herzog We von Dschou. Herzog We sprach: "Ich habe gehört daß Dschu Sehen die Kunst des Lebens erlernte. Ihr, Meister, gehört zu seinen Jüngern; was habt Ihr darüber von ihm gehört?" Tien Kai Dschi sprach: "Ich stand mit dem Besen in der Hand vor seiner Tür, um Staub zu kehren. Was sollte ich vom Meister gehört haben?" Der Herzog We sprach: "Seid nicht zu bescheiden; wir möchten es erfahren' Tien Kai Dschi sprach: "Ich hörte den Meister sagen: Wer tüchtig in der Pflege des Lebens ist der ist wie ein Schafhirte. Er bemerkt die Nachzügler und peitscht sie voran' " Der Herzog sprach: "Was heißt das?" Tien Kai Dschi sprach: "Im Staate Lu war einmal ein Mann, der in Felsklüften lebte, Wasser trank und sich fernhielt von allem Streben nach weltlichem Gewinn. So war er siebzig Jahre alt geworden, und sein Antlitz war noch so frisch wie das eines Kindes. Unglücklicherweise begegnete er einmal einem hungrigen Tiger. Der Tiger zerriß ihn und fraß ihn auf. Es war auch noch ein anderer Mann, der mit Arm und Reich in regem Verkehr war. Als er aber vierzig Jahre alt wurde, bekam er ein innerliches Fieber, an dem er starb. Der eine dieser beiden pflegte sein Inneres, der Tiger jedoch fraß sein Äußeres; der andere pflegte sein Äußeres, die Krankheit edoch griff sein Inneres an. Alle beide verstanden es nicht, ihre Nachzügler voranzupeitschen. Kung Dsi hat einmal gesagt: Sich nicht zurückziehen und verbergen, nicht hervortreten und sich zeigen, frei von allen Nebengedanken die Mitte wahren: wer das erlangt, dem gebührt höchster Ruhm. Väter, Söhne und Brüder warnen einander vor einer gefährlichen Straße, wo unter zehn Wanderern einer ermordet wird, und nur mit einem zahlreichen Gefolge lassen sie einander ziehen. Wo aber den Menschen die größten Gefahren drohen, bei Nacht im Bett und bei Trink- und Eßgelagen, da verstehen sie es nicht, einander zu warnen. Das ist der Fehler."

Kung Dsi war umringt zwischen den Staaten Tschen und Tsai. Sieben Tage lang hatte er kein gares Essen. Der Kanzler Jen ging zu ihm, um ihm sein Beileid auszudrücken, und sprach: "Meister, Ihr seid dem Tode nahe.' Jener antwortete: "Ja". "Haßt Ihr den Tod?" Er sagte: "Ja". Jen sprach: "Dann will ich Euch ein Mittel sagen, wie man dem Tod entgeht. An der Ostsee leben Vögel, die Schwalben heißen. Diese Vögel fliegen niedrig und langsam, so als ob sie es nicht recht könnten. Sie fliegen hintereinander her und setzen sich in dichten Scharen. Keine will die erste sein und keine die letzte. Vom Futter will keine den ersten Bissen haben, alle begnügen sich mit dem, was übrig bleibt. Deshalb bilden sie ununterbrochene Züge, und die Menschen draußen können ihnen nichts antun. So entgehen sie allem Leid. Zuerst wird ein gerader Baum gefällt; zuerst wird ein frischer Brunnen ausgeschöpft. Eure Gedanken richten sich darauf, das Wissen zu verherrlichen, um die Narren zu schrecken, eure Person zu pflegen, um den Schmutz ans Licht zu bringen. So geht Ihr leuchtend einher, als ob ihr Sonne und Mond im Arm hättet. Darum könnt Ihr nicht entfliehen. Vor langer Zeit habe ich einen Mann, der Großes vollbrachte, sagen hören: Wer sich selbst rühmt bringt das Werk nicht zustande. Fertiges Werk muß mißraten, Fertiger Ruhm kommt zu Schaden. Wer kann Werk und Ruhm abtun und unter die große Menge zurückkehren? Er fließt wie der Urgrund des Seins, und man sieht nicht sein Weilen; er wandert wie das Leben, und man sieht nicht wo er bleibt. Einfältig ist er und gewöhnlich; man könnte ihn für töricht halten. Er verwischt seine Spuren, entsagt der Macht und sucht nicht Werke noch Namen. Weil er keine Ansprüche an die Menschen stellt, stellen die Menschen auch keine Ansprüche an ihn. Der höchste Mensch ist nicht berühmt. Warum denn nur habt Ihr solche Freude daran?" Kung Dsi sprach: "Vortrefflich!" Er verabschiedete sich von seinen Wegegenossen und endlich seine Jünger. Er floh an einen großen Sumpf, kleidete sich in wollene und härene Gewänder, aß Eicheln und Kastanien. Er konnte sich unter die Tiere mischen, ohne ihre Herden zu stören. Vögel und Tier haßten ihn nicht; um wieviel weniger auch die Menschen.

Neunzehn Jahre regierte der Gelbe Kaiser und seine Gesetze herrschten im ganzen Reich. Da erfuhr er, daß Kung Dsi auf dem Berge Kung-tung lebte. Er suchte ihn auf und sprach zu ihm:"lch habe vernommen, Herr, daß du den Urgrund des Seins vollkommen erkannt hast. Darf ich dich fragen, worin dies besteht? Ich will mir den guten Einfluß des Himmels und der Erde nutzbar machen, um die fünf Kornarten gedeihen zu lassen und mein Volk zu ernähren. Ich will Yin und Yang lenken, um alle lebenden Dinge zu beschützen. Wie kann ich das erreichen?" Kung Dsi antwortete: "Das was du dir nutzbar machen willst, ist die uranfängliche Ganzheit aller Dinge. Das, was du lenken willst sind die Gewalten, die sie zerscheiden. Du jedoch: seit du das Reich regierst haben die Wolken geregnet bevor sie schwer wurden, die Blätter sind gefallen bevor sie welk wurden, der Glanz der Sonne und des Mondes ist verblaßt. Dein Sinn ist wie der eines wortgewandten Schmeichlers. Wie willst du da von dem Urgrund des Seins vernehmen vollen?" Der Gelbe Kaiser ging fort. Er entsagte der Herrschaft. Er baute sich eine einsame Hütte, lag auf einer Matte aus weißem Gras. Drei Monate blieb er in der Abgeschiedenheit. Dann suchte er Kung Dsi zum zweitenmal auf. Er fand ihn liegend, mit dem Gesicht nach Süden. Der Gelbe Kaiser näherte sich ihm auf den Knien, wie ein Untergebener. Er warf sich vor ihm nieder und sprach: "Ich habe vernommen, Herr, daß du den Urgrund des Seins vollkommen erkannt hast. Darf ich dich fragen, wie ich mein Selbst bewahren kann, damit es dauert?" Kung Dsi sprang auf. "Eine gute Frage fürwahr!" rief er. "Komm, ich will dir davon sagen! Sein Wesen ist tief verborgen; seine Höhe verliert sich im Dunkel. Fasse Fuß, wo nichts zu sehen, wo nichts zu hören ist, laß die Ruhe deine Seele umfangen; das körperhafte Selbst wird seine eigene Gestalt gewinnen. Sei ruhig, sei rein; ermüde deinen Körper nicht verwirre deine Lebenskraft nicht; - so wirst du dauern. Denn wenn das Auge nichts sieht und das Ohr nichts hört und das Herz nichts weiß, dann wird die Seele sich den Körper erhalten, und das körperhafte Selbst wird dauern. Bewahre, was in dir ist und wehre ab, was außen ist; denn Wissenswahn ist verderblich. Dann will ich dich auf die Höhe des Großen Lichtes setzen, wo die Quelle der treibenden Urgewalt ist und ich will dich durch das Tor des Tiefen Dunkels führen, wo die Quelle der Hemmenden Urgewalt ist. Da sind die Lenker des Himmels und der Erde, da ist die Wohnung von Yin und von Yang. Bewahre und erhalte dein Selbst und alles wird aus sich selber gedeihen. Ich erhalte in mir das uranfängliche Eine, ich ruhe im Einklang mit allen Dingen. Weil ich mein Selbst so pflege, bin ich in der Welt des Körpers seit zwölfhundert Jahren nicht untergegangen' Der Gelbe Kaiser warf sich nieder und sprach: "Wahrlich, Kung Dsi ist ein Himmelswesen!" Dieser sprach aber weiter: "Komm, ich will es dir deuten. Dieses Selbst das alle Menschen als vergänglich sehen, ist unerschöpflich. Dieses Selbst das alle Menschen als endlich sehen, ist ohne Schranken. Die den Urgrund des Seins nicht erkannt haben, sind Fürsten in diesem Leben und Mächte im nächsten. Die den Untergrund des Seins erkannt haben, sind Fürsten in diesem Leben und im nächsten. Die den Untergrund des Seins nicht erkannt haben, schauen das Licht des Tages in diesem Leben und sind Erdklumpen im nächsten. Im gegenwärtigen Sein entspringen alle Wesen der Erde und kehren zur Erde zurück. Aber ich will dich durch die Pforten der Ewigkeit in das Reich des Unendlichen leiten. Mein Licht ist das Licht von Sonne und Mond. Mein Leben ist das Leben von Himmel und Erde. Ich beachte nicht wer zu mir kommt und wer von mir geht: Alle mögen erlöschen, ich werde dauern."

Wenn man jemandem im Markttreiben auf den Fuß tritt dann entschuldigt man sich wegen seiner Unvorsichtigkeit. Wenn ein älterer Bruder seinem jüngeren auf den Fuß tritt dann klopft er ihm auf die Schulter. Tun dies die Eltern, dann erfolgt nichts weiter. Deshalb heißt es: Höchste Höflichkeit kümmert sich nicht um die Menschen; höchste Gerechtigkeit nimmt keine Rücksicht auf Einzeldinge; höchste Weisheit entwickelt keine Pläne; höchste Liebe kennt keine Zuneigung, höchste Treue gibt kein Pfand.

Überfeinerung des Sehens führt zur Ausschweifung in den Farben; Überfeinerung des Hörens zur Ausschweifung in den Tönen; Überfeinerun der Menschenliebe zur Verwirrung der Tugend; Uberfeinerung der Gerechtigkeit zur Umkehrung der Grundsätze-, Überfeinerung der Riten führt zur Abweichung vom wahren Ziel; Überfeinerung der Musik zu Lockerung des Geistes; Uberfeinerung des Wissens zur Vorherrschaft des Werkzeugs; Überfeinerung des Scharfsinns zur Ausdehnung der Sucht des Tadels. Wenn die Menschen in den natürlichen Bedingungen des Daseins ruhen, dann können diese acht Elemente sein oder nicht sein, es hat keine Folgen. Ruhen jedoch die Menschen nicht in den natürlichen Bedingungen des Daseins, dann werden diese acht Elemente zu Hindernissen und Raubmächten, sie stürzen die Welt in Verwirrung. Dennoch ehrt und liebt sie die Welt so sehr irrt sie. Das tut sie nicht in einer vorübergehenden Laune, sondern mit Belehrung in Worten, mit Demut in Fußfällen und mit dem Reiz des Spiels und des Gesanges. Was kann ich da tun? Deshalb bleibt dem überlegenen Menschen, welcher in unentrinnbarer Weise zum Herrschen berufen ist nichts anderes als Nichttun. Durch Nichttun wird er fähig, um in den natürlichen Bedingungen des Daseins zu ruhen. So ist wer das Reich wie sein eigenes Selbst ehrt in der Lage, es zu erhalten, und jener, der das Reich wie sein eignes Selbst liebt in der Lage, es zu lenken. Wenn er sich davon abhalten kann, sein inneres Gleichgewicht zu schädigen und seine Sinneskräfte zu belasten, wenn er unbewegt wie ein Leichnam ist obwohl sich seine Drachengewalt ringsum offenbart in tiefem Schweigen, obwohl seine Donnerstimme erschallt und die Mächte des Himmels jeder Regung seines Willens antworten. Unter dem nachgiebigen Einfluß des Nichttuns reifen und gedeihen alle Dinge - welche Muße hat er, um an die Regierung der Welt zu gelangen?

Unter den Vorfahren des Kung Dsi war einer, welcher, als er den ersten Rang erhielt mit gebeugtem Haupt umherschritt; als er den zweiten Rang erhielt ging er mit gebeugtem Rücken; als er den dritten Rang erhielt duckte er sich und schlich sich an der Wand entlang. Wer will ihn nicht zum Vorbild haben! Die gewöhnlichen Menschen, wenn sie den ersten Rang bekommen haben, gehen stolz erhobenen Hauptes umher; wenn sie den zweiten Rang erhalten haben, sitzen sie voll Anmaßungen im Wagen; haben sie den dritten Rang erhalten, nennen sie alle ihre Oheime beim Vornamen. Wer wird ein solches rohes Benehmen billigen!

Kung Dsi sagte: "Das Herz des Menschen ist gefährlicher als Berg und Wildbach und schwerer zu erkennen als der Himmel. Der Himmel hat seine Jahres- und Tageszeiten; des Menschen Äußeres aber ist dicht und verborgen, und sein eigentliches Wesen ist tief verdeckt. Mancher scheint äußerlich als ehrbar und doch ist er ausschweifend; mancher, welcher fähig ist sieht aus, als ob er untauglich; mancher scheint, den Schwätzern zuzustimmen und doch ist er weise; mancher scheint stark und doch ist er schwach; mancher scheint langsam und doch ist er hastig; diejenigen die sich der Pflicht wie dürstend nahen, lassen sie doch fallen, als hätten sie ihre Finger verbrannt. Deshalb versucht der Edle seine Leute: Er schickt sie nach auswärts und kann dann sehen, ob sie treu sind; er gebraucht sie in der täglichen Umgebung, dann kann er sehen, ob sie gewissenhaft sind, er gebraucht sie in schwierigen Geschäften, dann kann er sehen, ob sie Fähigkeiten besitzen; er fragt sie unvermittelt dann kann er sehen, ob sie Kenntnisse haben; er setzt ihnen eine bestimmte Frist dann kann er sehen, ob sie ihm Wort halten; er vertraut ihnen Reichtum an, dann kann er sehen, ob sie gütig sind; er schickt sie in Gefahren, dann kann er sehen, ob sie Selbstbeherrschung haben, er macht sie trunken mit Wein, dann kann er sehen, welche Art sie sind; er bringt sie in gemischte Gesellschaft dann kann ersehen, ob sie sittlich sind. Wenn man diese neun Proben anwendet dann findet man sicher die untauglichen Menschen heraus.

Sü Wu Gui besuchte den Fürsten Wu. Der Fürst sprach:"Herr, Ihr lebtin den Bergwäldern, eßt Kastanien, sättigt euch mit Zwiebel und Knoblauch, und es ist lang her, seit Ihr uns besucht habt. Nun seid Ihr wohl alt und wünscht den Geschmack von Wein und Fleisch zu kosten. Wir haben auch den Segen der Erd - und Kornaltäre' Sü Wu Gui sprach: "Ich bin in Armut und Niedrigkeit geboren und habe kein Begehren nach dem Wein und Fleisch Eurer Hoheit. Ich komme, um Eure Hoheit zu bedauern' " Der Fürst sprach: "Wie? Inwiefern wollt Ihr mich bedauern?" Sü Wu Gui sprach: "Geistig und leiblich' Der Fürst sprach: "Was meint Ihr damit?" Sü Wu Gui sprach:"Himmel und Erde ernähren alle Geschöpfe auf gleiche Weise. Wer in der Höhe weilt darf sich deswegen nicht für größer halten; wer in Niedrigkeit wohnt darf sich deswegen nicht für kürzer halten. Eure Hoheit sind ein unumschränkter Herr. Da Ihr Euer ganzes Volk bedrückt, um Euren Sinnen zu fröhnen, fühlt sich Euer Geist nicht wohl. Der Geist liebt Eintracht und haßt Sinnlichkeit. Sinnlichkeit ist Leiden. Deshalb komme ich, um Euch zu bedauern. Wie kommt es nur, daß gerade Eure Hoheit unter diesen Dingen zu leiden hat?" Der Fürst Wu sprach: "Schon lange hätte ich Euch gerne einmal wieder gesehen. Ich wünschte, mein Volk zu lieben und durch Gerechtigkeit dem Krieg ein Ende zu machen. Ist das zu billigen?" Sü Wu Gui sprach: "Es ist nicht zu billigen. Die Liebe zum Volk ist der Anfang dazu, das Volk zu schädigen. Durch Gerechtigkeit dem Krieg ein Ende machen wollen bedeutet die Wurzel des Krieges zu pflanzen. Wenn Ihr so vorgeht ist zu befürchten, daß Ihr nichts zustande bringt. Jedes verwirklichte Ideal führt zum Übel. Wenn Ihr Euch betätigt sei es auch in Liebe und Pflicht seid Ihr auf falschem Weg. Jede äußere Betätigung zieht notwendig eine andere äußere Betätigung nach sich. Alles was in eine Richtung vollkommen ist ist in anderer von Nachteil, und die daraus entstehende Verwirrung führt zwangsläufig zu Verwicklungen mit der Außenwelt. Ihr stellt doch auch nicht Eure Schlachtreihen inmitten der Tore Eures Palastes auf, oder Eure Krieger und Ritter in unmittelbarer Nähe der Tempel und Altäre. Wieviel wichtiger ist es da noch, daß Ihr Euer Herz frei haltet daß Ihr keine Gedanken hege die dem Leben widersprechen, daß Ihr nicht durch Schlauheit Ränke und Kriege andere zu besiegen sucht! Das Volk anderer Leute zu töten, das Land anderer Leute zu annektieren, um das eigene Ich zu füttem, das bringt unseren Geist in innere Kämpfe und inmitten dieser Unklarheit weiß er nicht mehr, was gut ist; was ist dann aus unserem Sieg geworden? Das beste wäre, daß Ihr mit all dem aufhört daß Ihr die Aufrichtigkeit Eures Herzens pflegt um den Verhältnissen in der Welt in rechter Weise zu entsprechen, und Euch nicht weiter abquält. Auf diese Weise ist das Volk schon frei vom Tod, und Ihr habt es nicht mehr nötig, dem Krieg ein Ende zu machen.'

Dang, der Kanzler des Staates Schang, fragte Dschuang Dsi über die Liebe. Dschuang Dsi sprach: "Tiger und Wölfe haben Liebe.' Jener fragte: "Was soll das bedeuten?" Dschuang Dsi antwortete: "Die Alten und die Jungen sind anhänglich aneinander, dies muß man doch als Liebe bezeichnen." Jener fragte: "Darf ich fragen, was die höchste Liebe ist?" Dschuang Dsi antwortete: "Die höchste Liebe kennt keine Anhänglichkeit“. Der Kanzler fragte: "Ich habe sagen hören, daß es ohne Anhänglichkeit keine Zuneigung gibt daß es ohne Zuneigung keine kindliche Ehrfurcht gibt. Ist es nun zulässig, zu behaupten, daß höchste Liebe keine kindliche Ehrfurcht kennt?" Dschuang Dsi antwortete: "Nicht so! Höchste Liebe ist etwas durchaus Hohes. Der Begriff von kindlicher Ehrfurcht ist zu ungenügend, um sie zu bezeichnen. Was ich meine, ist nicht daß kindliche Ehrfurcht zu weit geht sondern daß sie nicht daran heranreicht. Wenn einer nach Süden wandert kommt er zum Schluß nach Ying. Wenn er von dort nach Norden sieht dann sieht er nicht den großen Berg im Ozean. Weshalb? Er ist zu weit entfernt. Deshalb sage ich: Kindliche Ehrfurcht aus Achtung ist einfach; kindliche Ehrfurcht aus Zuneigung ist schwierig. Kindliche Ehrfurcht aus Zuneigung ist einfach, aber die Eltern zu vergessen, ist schwierig. Die Eltern zu vergessen ist einfach, aber zu machen, daß die Eltern uns vergessen, ist schwierig. Zu machen, daß die Eltern uns vergessen, ist einfach; aber die ganze Welt zu vergessen, ist schwierig. Die ganze Welt zu vergessen ist einfach; aber zu machen, daß die ganze Welt uns vergißt ist schwierig. Diese Tugend läßt die Heiligen Yau und Schun weit hinter sich zurück und tritt nicht in den einzelnen Taten hervor. Die spendet Segen allen Geschlechtern, und die Welt weiß es nicht. Wie will man hier in einem Atemzug von Liebe und kindlicher Ehrfurcht reden? Was man gewöhnlich unter kindlicher Ehrfurcht Brüderlichkeit Liebe und Pflicht Treue und Glauben, Reinheit und Uneigennützigkeit versteht dies sind alles Dinge, zu denen man sich gewaltsam aufschwingt um der Irgend zu dienen; jedoch sind sie nicht viel wert. Deshalb heißt es: Wer den höchsten Adel besitzt für den sind die Ehren des Staates nur eine hohle Wand. Wer den höchsten Reichtum besitzt für den sind die Güter des Staates nur eine hohle Wand. Wer die höchste Anerkennung hat für den sind Name und Ruhm nur eine hohle Wand. Denn der Urgrund des Seins kann durch nichts anderes ersetzt werden.

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