Chinesische Weisheiten
Hohe Weisheiten aus dem fernen Osten, die heute noch ihre Gültigkeit haben.

Kung Dsi (552 - 479 v. Chr.)

Der Meister sprach: "Dsi Lu, soll ich dich das Wissen lehren? Was man weiß, soll man als Wissen gelten lassen, was man nicht weiß, soll man als Nichtwissen gelten lassen: das ist Wissen.'

Meister Dsi Lu sprach: "Bei der Ausübung der Formen ist die Harmonie die Hauptsache. Der Pfad der alten Könige ist deshalb so schön, weil sie sich im Kleinen und Großen danach richteten. Dennoch gibt es Punkte, wo es nicht geht. Harmonie kennen, ohne daß Harmonie durch Form geregelt wird: das geht auch nicht ' '

Der Meister sprach:"Bei wem der Gehalt die Form überwiegt ist ungeschlacht. Bei wem die Form den Gehalt überwiegt ist ein Schreiber. Bei wem aber Form und Gehalt im Gleichgewicht sind, ist erst ein Edler."

Der Meister sagte zu Dsi Hsia: "Sei du als Edler ein Gelehrter und nicht als Gemeiner."

Meister Kung sprach: "Eine gute Arznei schmeckt bitter, aber sie ist gut für die Krankheit. Redlicher Rat widerstrebt dem Ohr, aber er kommt dem Handeln zugute. Die Könige Tang und Wu sind durch, Aber, aber' zum Erfolg gelangt die Tyrannen Gie und Dschou-Sin sind durch Ja, ja' zugrunde gegangen. Es war noch nie so, daß ein Fürst ohne Diener, welche ihm widersprechen, ein Vater ohne Sohn, welcher im widerspricht ein älterer Bruder ohne jüngeren Bruder, welcher ihm widerspricht ein Gebildeter ohne Freund, welcher im widerspricht frei von Fehlern blieben. Deshalb, was der Fürst übersieht findet der Diener, was der Vater übersieht findet der Sohn, was der ältere Bruder übersieht findet der jüngere, was ein Mann übersieht findet sein Freund heraus. So kommt das Reich nicht in Gefahr des Untergangs, das Haus nicht in Gefahr der Verwirrung, zwischen den Angehörigen entstehen keine Mißverständnisse und Freundschaften gehen nicht in die Brüche."

Du fragst: "Wer ist,s, der die Erde trägt
So daß sie im Weltall unbewegt harrt?
Der das Gesetz der Wiederkehr erwägt
Nach dem Mond und Sonne ihre Fahrt
Beginnen, enden? Der nach strengem Plan
Die Sterne weist in ihre Bahn?
Wer ist's, der dies alles denkt und treibt
Und ruhevoll im Ruhelosen bleibt?
Wolken sammeln sich. Die durstige Erde
Empfängt den überreich geschenkten Segen,
Damit der Regen wieder zur Wolke werde.
Wer ist's, der Wolke lenkt und Regen
Und ruhevoll im Ruhelosen bleibt?
Der Wind entsteht im Norden. Brausend weht
Er mal nach Westen, mal nach Osten hin,
Mal steigt er auf, zum Wirbelwind gedreht.
Wer ist's, der ihn geweckt und treibt
Und ruhevoll im Ruhelosen bleibt?"
0 frage nicht nach Ursprung und Beginn
Und weile selber ruhevoll im Sinn.

Der Meister sprach: "Wenn man durch Erlasse leitet und durch Strafen ordnet dann weicht das Volk aus und hat kein Gewissen. Wenn man durch Kraft des Wesens leitet und durch Sitte ordnet dann hat das Volk Gewissen und erreicht das Gute'

Herzog Ai fragte den Meister Kung: "Das Bestehen und der Untergang, Glück und Unglück eines Reiches haben doch sicher ihre himmlische Bestimmung und rühren nicht nur von Menschen her." Meister Kung antwortete: "Bestehen und Untergang, Glück und Unglück kommen alle nur durch eigene Schuld. Zeichen am Himmel und Vorbedeutungen auf der Erde können ihnen nichts hinzufügen' Der Herzog fragte: "Gut habt ihr geredet mein Meister, aber wie soll das zugehen?" Meister Kung sprach: "Vor langer Zeit zur Zeit des Herrschers Sin aus dem Hause Ying, da brütete ein Sperling auf der Ecke der Stadtmauer einen großen Vogel aus. Die Zeichendeuter sprachen: Wenn Kleines Großes erzeugt so wird das Reich sicher erblühen und des Herrschers Name berühmt werden.' So verließ sich der Herrscher Sin auf die Kraft dieses Sperlings. Er küminerte sich nicht um die Regierung des Landes, war hart und grausam über alle Maßen, und vor den Leuten seines Hofes gab es keine Rettung. Nun brachen Räuber von außen ein, und die Herrschaft des Hauses Yin fand dadurch ihr Ende. Also hat er selbst der Zeit des Himmels entgegengewirkt und das zugedachte Glück in Unglück verwandelt. Nochmals zur Zeit seines Vorfahren, des Königs Tai Mou aus dem Hause Yin, wurde der rechte Weg verlasse, die Gesetze ruhten, so daß schließlich Vorzeichen auftraten, Maulbeere und Korn aus einer Wurzel im Schloßhof wuchsen und nach sieben Tagen schon eine Spanne im Umfang hatten. Der Zeichendeuter sprach: ,Maulbeere und Korn sind Gewächse der Wildnis; sie pflegen nicht aus einer Wurzel im Schloßhof zu wachsen. Sollte dies auf den Untergang des Reiches deuten?' Tai Mou erschrak, er wandelte sich und ordnete seinen Wandel. Er dachte an die Regierung der früheren Könige und brachte den Weg zur Pflege des Volkes wieder ans Licht. Nach drei Jahren war es soweit daß ferne Länder seine Gerechtigkeit rühmten, und Gesandte, welche mehrere Dolmetscher brauchten, kamen aus sechzehn Reichen. Dies ist ein Beispiel, wie einer durch eignes Tun der Zeit des Himmels entgegenwirkte und drohendes Unheil in Glück verwandelte. Also sind Zeichen am Himmel und Vorbedeutungen auf der Erde dazu da, die Herrscher zu warnen. Träume und Wunder dienen dazu, die Beamten zu warnen. Zeichen und Vorbedeutungen sind nicht stärker als eine gute Regierung, Gesichte und Träume sind nicht stärker als ein guter Wandel. Wer das erkennen kann, wird die höchste Stufe der Ordnung erreichen. Nur ein weiser Fürst kann das erreichen' ' Der Herzog sprach: "Wenn ich nicht so töricht wäre, hätte ich auch diese Lehre des Edlen nicht vernommen.'

Der Meister sprach: "Lernen und ständig üben: Ist das nicht auch befriedigend? Freunde haben, welche aus fernen Gegenden kommen: Ist das nicht auch fröhlich? Wenn Menschen einen nicht erkennen, aber doch nicht murren: Ist das nicht edel?"

Dsi Lu befragte den Meister Kung: "Ich habe sagen hören, daß ein rechter Mann in der Welt lebt ohne daß Reichtum und Ehre imstande sind, ihn an Gütern zu bereichem, und wenn er in Armut und Niedrigkeit weilt so ist er nicht imstande, seine Grundsätze zu beugen, um dadurch wieder obenauf zu kommen. Ein solcher Mann kommt aber für menschliche Verhältnisse gar nicht in Betracht" Meister Kung sprach: "Der Edle ist bei allem seinem Tun darauf bedacht mit sich selbst im Einklang zu bleiben. Ist es angebracht sich zu beugen, dann beugt er sich, ist es angebracht obenauf zu sein, dann ist er obenauf. Er beugt seine Grundsätze, um zu warten. Er versucht obenauf zu kommen, um seine Zeit zu erfüllen. Darum gibt er, obwohl er gezwungen wird, sich zu beugen, seine Grundsätze doch nicht preis, und wenn er Erfolg hat so setzt er sich nicht über seine Pflicht hinweg'

Der Meister sprach: "Yung kann man brauchen, um mit südlich gewandtem Gesicht einen Staat zu beherrschen" Dschung Gung fragte nach Dsi Sang Be Dsi. Der Meister antwortete: "Er geht; er ist großartig." Dschung Gung sagte: "In der Gesinnung sorgfältig und in der Handlungsweise großartig sein beim Verkehr mit dem Volk, das mag wohl gehen. Aber in der Gesinnung großartig sein und in der Handlungsweise großartig sein: ist das nicht zuviel Großartigkeit?" Der Meister sprach: "Yungs Worte sind richtig"

Freiherr Gi Kang fragte: "Kann man das Volk zur Ehrfurcht und Treue bringen durch Ermahnungen?" Der Meister sprach: "Sich herablassen mit Würde: dadurch entsteht Ehrfurcht; durch kindliche Ehrfurcht und Menschenliebe wird das Volk treu. Die Guten erhöhen und die Unfähigen belehren: so wird das Volk ermahnt'

Fürst Ai frage: "Was muß ich tun, damit das Volk fügsam wird?" Meister Kung entgegnete: "Die Geraden erheben, daß sie auf die Verdrehten drücken, dann fügt sich das Volk. Die Verdrehten erheben, daß sie auf die Geraden drücken: dann fügt sich das Volk nicht'

Meister Yu sprach: "Daß jemand, welcher als Mensch pietätvoll und gehorsam ist es doch liebt seinen Oberen zu widerstreben, ist selten. Daß jemand, welcher es nicht liebt seinen Oberen zu widerstreben, Aufruhr macht ist noch nie dagewesen. Der Edle pflegt die Wurzel: Steht die Wurzel fest dann wächst der Weg. Pietät und Gehorsam sind die Wurzeln des Menschentums'

Dsi Hua hatte einen Auftrag in Tsi zu erledigen. Meister Jan bat für seine Mutter um Getreide. Der Meister sprach: "Gib ihr ein Fu.' Er bat noch mehr. Da sprach er: "Gib ihr ein Yü." Meister Jan gab ihr fünf Bing. Der Meister sprach: "Als Tschi nach Tsi aufbrach, hatte er ein Gespann von fetten Pferden und war in leichtes Pelzwerk gekleidet. Ich habe gehört: Der Edle hilft dem Bedürftigen, fügt aber nicht dem Reichen noch mehr zu." Yüan Si wurde als Stadthauptmann angestellt. Der Meister gab ihm 900 Maß Getreide. Er lehnte ab. Der Meister sprach: "Nicht so! Du sollst sie ja verwenden, um sie in deiner Nachbarschaft und Umgebung zu verteilen'

Dsi Lu trat in Kriegerkleidung vor den Meister Kung, zog sein Schwert schwang es und sprach: "Haben die Edlen des Altertums sich wirklich mit dem Schwert geschützt?" Meister Kung sprach: "Die Edlen des Altertums sahen in der Treue ihr Wesen und in der Menschlichkeit ihren Schutz. Obwohl sie nicht aus den Mauern ihres Hofes herauskamen, kannten sie die Welt auf 1 000 Meilen im Umkreis. Wo ein schlechter Fürst war, wandelten sie ihn durch ihre Treue, wo ein Übeltäter war, überwanden sie ihn durch ihre Menschlichkeit. Wozu hätten sie da noch das Schwert in die Hand zu nehmen brauchen?" Dsi Lu sprach:"Da ich nun diese Worte vernommen habe, bitte ich mit geschürzten Kleide um Belehrung'

Der König von Tschu machte einmal eine Reise. Dabei verlor er seinen Bogen. Die Leute seiner Umgebung baten, ihn suchen zu dürfen. Aber der König sprach:"Laßt es sein. Ein Mann aus Tschu verlor den Bogen, ein andrer Mann aus Tschu wird ihn finden. Warum ihn suchen?" Meister Kung hörte davon und sprach: "Wie schade, daß er nicht noch größer dachte! Warum hat er nicht gesagt: Ein Mensch hat den Bogen verloren, ein andrer wird ihn finden. Warum denn nur ein Mann aus Tschu?"

Der Herzog sprach: "Dies ist schön; ohne Eure Weisheit Meister, hätte ich solche Worte nie vernommen. Allein ich bin im Innern des Schlosses geboren und bin in den Armen der Wärterinnen herangewachsen. Ich habe Trauer, Sorgen, Mühe, Furcht und Gefahren nie kennengelernt. Ich fürchte, ich kann die Lehren von den fünf Stufen nicht verwirklichen: Was kann ich tun?" Meister Kung antwortete: "Wenn ihr so redet dann wißt ihr es ja schon; ich wüßte auch nichts Weiteres.' Der Herzog sprach:" Ohne Euch, mein Meister, bin ich nicht imstande, mein Herz zu entfalten. Sagt es mir, mein Meister." Meister Kung sprach: "Wenn Ihr, o Fürst Euch in den Ahnentempel begebt rechts die Stufen zur Halle einporsteigt wenn Ihr nach oben blickt auf die Kapitele und Streben der Säulen, dann nach unten blickt auf Tisch und Kissen und daran denkt, daß die Geräte alle noch da sind wie früher und die Menschen doch nicht mehr zu sehen sind, welche sie benutzt haben, wenn Ihr so der Trauer denkt dann werdet Ihr erfahren, was Trauer ist. Wenn Ihr Euch beim ersten Tagesgrauen erhebt Gewänder und Krone anlegt, wenn Ihr bei Tagesanbruch eine Audienz haltet und all die Gefahren und Schwierigkeiten überdenkt wie auch das kleinste Versehen im Detail der Beginn werden kann von Verwirrung und Untergang; wenn Ihr so an die Sorgen denkt, wißt Ihr, was Sorgen sind. Wenn Ihr vom Sonnenaufgang an bis die Sonne sich zum Untergang neigt Euch mit der Regierung beschäftigt wenn der Fürsten Söhne und Enkel kommen und gehen als Eure Gäste, wenn Ihr alle Sitten der Höflichkeit die Verbeugungen, das Vortrittlassen unter sorgfältiger Beachtung der Würde, welche der Rang erfordert, vollzieht; wenn Ihr so der Mühe denkt dann wißt Ihr auch, was Mühe ist. Wenn Ihr in tiefe Gedanken versunken zu den vier Toren Eurer Hauptstadt hinausgeht und besorgt in die Ferne schaut und die Trümmer vergangener Reiche seht; wenn Ihr so der Furcht gedenkt dann wißt Ihr, was Furcht ist. Dann gleicht der Fürst dem Schiff, das Volk gleicht dem Wasser. Das Wasser ist es, welches das Schiff trägt das Wasser ist es auch, welches das Schiff zum Kentern bringt. Wenn Ihr so an die Gefahr denkt dann wißt Ihr, was die Gefahr ist. Wenn Ihr diese fünf Stücke versteht und daneben noch ein wenig die fünf Stufen im Sinn behaltet welche Fehler könntet Ihr da bei Eurer Regierung noch machen?"

Der Meister sprach: "Ein Jüngling sollte nach innen kindesliebend, nach außen bruderliebend sein, pünktlich und wahrhaftig, seine Liebe überfließen lassen auf alle und mit den Sittlichen verbunden. Wenn er wandelt und übrige Kraft hat dann mag er sie anwenden zur Erlernung der Künste.

Dsi Hia sprach: "Wer die Würdigen ehrt so daß er sein Betragen ändert wer Vater und Mutter dient so daß er dabei seine ganze Kraft aufbietet wer dem Fürsten dient so daß er seine Person einsetzt wer im Verkehr mit Freunden so redet daß er zu seinem Worte steht: Wenn es von einem solchen gesagt wird, er habe noch keine Bildung, so glaube ich doch, daß er Bildung hat".

Der Fürst Ai fragte, wer unter den Jüngern das Lernen liebe. Meister Kung antwortete: "Das war Yen Hui, er liebte das Lernen. Er übertrug seinen Ärger nie, er machte zum zweitenmal keinen Fehler. Zum Unglück war seine Zeit kurz und er starb. Ich habe noch von keinem gehört der das Lernen so liebte'

Dsi Dschang wollte eine Lebensstellung erreichen. Der Meister sprach: "Viel hören, Zweifelhaftes beiseite lassen, das Übrige vorsichtig aussprechen, dann macht man wenig Fehler. Viel sehen, Gefährliches beiseite lassen, und vorsichtig das Übrige tun, dann hat man wenig zu bereuen. Im Reden wenig Fehler machen, im Tun wenig zu bereuen haben: das ist eine Lebensstellung'

Der Meister sprach: "Der Wissende ist noch nicht so weit wie der Forschende, der Forschende ist noch nicht so weit wie der Erkennende.'

Der Meister sprach: "Wer über dem Durchschnitt steht dem können die höchsten Dinge gesagtwerden. Wer unter dem Durchschnitt steht, dem können nicht die höchsten Dinge gesagt werden'

Der Meister sprach: "Sieh zu, was einer bewirkt beachte, wodurch er bestimmt wird, forsche, wo er Befriedigung findet: Wie kann ein Mensch da entwischen?"

Der Meister sprach: "Wer durch sein Wesen herrscht der gleicht dem Nordstern. Er verweilt an seinem Ort und alle Sterne kreisen um ihn"

Der Meister sprach: "Ich war fünfzehn Jahre alt und mein Wille war aufs Lernen gerichtet, mit dreißig Jahren stand ich fest mit vierzig hatte ich keine Zweifel mehr, mit fünzig war mir das Gesetz des Himmels bekannt mit sechzig war mein Ohr aufgeschlossen, mit siebzig konnte ich den Wünschen meines Herzens folgen, ohne das Maß zu übertreten"

Der Meister sprach: "Lemen und nicht denken ist nichtig. Aber Denken und nicht lernen ist gefährlich ' '

Der Meister sprach: "lrrlehren anzugreifen, schadet nur." Der Meister sprach: "Altes üben und Neues kennen: Dann kann man als Lehrer gelten.'

Der Meister sprach: "Ein Edler, der umfassende Kenntnis der Literatur besitzt und sich nach den Regeln der Moral richtet kann es erreichen, Fehltritte zu vermeiden.'

Meister Kung sprach: "Bei unserer Lebensführung kommt es auf sechs Grundlagen an. Erst wenn diese Grundlagen feststehen, ist man ein Edler. Im persönlichen Auftreten kommt es auf Pflicht an, Grundlage ist die kindliche Ehrfurcht. Bei Trauerfällen kommt es auf die Sitte an, Grundlage ist das Gefühl der Trauer. Im Kriege kommt es auf die Zucht an, Grundlage ist der Mut. Bei der Regierung kommt es auf die Ordnung an, Grundlage ist der Ackerbau. Bei der Thronfolge kommt es auf feste Traditionen an, Grundlage ist die Erbfolge. Bei der Erzeugung von Gütern kommt es auf die richtige Zeit an, Grundlage ist der Fleiß. Bevor die Grundlagen fest sind, kann man keinen Akkerbau und keine Seidenzucht betreiben. Solange man nicht die Zuneigung der Verwandtschaft und Schwägerschaft hat kann man keinen auswärtigen Verkehr betreiben. Solange man nicht in der Lage ist Angefangenes durchzuführen, kann man keine großen Untemehmungen betreiben. Solange man in seinen Worten nur Gehörtes wiedergeben kann, darf man nicht darauf aus sein, viel zu reden. Solange die Umgebung noch nicht zur Ruhe gebracht ist, kann man nicht die Gewinnung Fernstehender beginnen. Darum ist es die Art des Edlen, zur Grundlage zurückzukehren und das Naheliegende zu pflegen'

Herzog Ai fragte Meister Kung "Erreicht der Weise ein hohes Alter? Erreicht der Gütige ein hohes Alter?" Meister Kung antwortete: "Ja. Dem Menschen drohen drei Todesarten, die ihm nicht vom Schicksal bestimmt sind, sondern die er sich selber zuzieht. Diejenigen, die beim Schlaf und beim Ruhen nicht die rechte Zeit beachten, diejenigen, die beim Essen und Trinken nicht mäßig sind, die in Muße oder Anstrengung die Grenzen überschreiten, die alle tötet die Krankheit. Diejenigen, die in niedrigem Stande ihren Fürsten belästigen, diejenigen, die unersättlich in Lüsten und Begierden sind und die sich ihren Wünschen kein Ziel setzen, die alle tötet die Strafe. Diejenigen, die in der Minderheit sich gegen die Mehrheit auflehnen, diejenigen, die selbst schwach, die Starken beleidigen, die im Zorn vernunftwidrig handeln und ihre Kräfte überschätzen, die alle töten die Waffen. Diese drei Todesarten sind nicht Schicksal, sondern der Mensch zieht sich selbst zu. Ein weiser Ritter und gütiger Mann, der sich in seinem Leben zu beschränken weiß, der sich in Tun und Lassen an die Pflicht hält der in Freude und Zorn die rechte Zeit trifft und seine Natur nicht schädigt: ist es nicht ganz in Ordnung, daß er langes Leben erlangt?"

Dsai Wo fragte: "Wenn ein sittlich-guter Mensch auch nur sagen hörte, daß ein sittlicher Mensch im Brunnen sei, dann würde er wohl sofort nachspringen?" Der Meister antwortete: "Warum denn das? Ein Edler würde hingehen, jedoch nicht hineinspringen. Man kann ihn zwar belügen, aber nicht zum Narren halten'

Dseng Dsi sagte: "Ist man zu intim, dann läßt man sich im Verkehr bald allzusehr gehen. Ist man zu formell, dann kommt man einander nicht näher. Deshalb geht ein Edler in der Intimität nur so weit, daß eine angenehme Vertraulichkeit entsteht und nur so weit in der Zurückhaltung, daß die Formen der Sitte bewahrt bleiben" Meister Kung hörte dieses und sagte: "Merkt euch dies meine Kinder! Der Schen versteht sich wirklich auf die Sitte."

Herzog Ai fragte: "Gürtel und Klunker, sowie Gelehrtenbaretts, welchen Wert haben diese für die Sittlichkeit?" Meister Kung wurde ernst und antwortete: "Warum also, o Fürst! Wer in Sack und Strohsandalen wandelt und den Trauerstab in der Hand hält diesen ist es nicht um Musik zu tun. Nicht daß sein Ohr nicht hörte, aber die Kleider machen es. Wer mit feierlichen Opfergewändem gekleidet ist duldet keine Vertraulichkeit und Nachlässigkeit. Nicht von Natur besitzt er Hoheit und Würde, sondern die Kleider machen es. Wer Rüstung und Helm trägt und eine Lanze in der Hand hat empfindet weder Nachgiebigkeit noch Furcht. Er ist keine Verkörperung reiner Wildheit sondern die Kleider machen es. Ich habe auch gehört: Wer sich gerne in den Verkaufsbuden des Marktes aufhält dieser hält keinen Abbruch des Gewinns aus, umgekehrt treiben würdige Leute keine Marktgeschäfte. Daraus könnte ich meinen, daß Ihr selbst beurteilen könnt ob Kleidung von Wert ist oder nicht o Fürst!

Meister Kung sagte zu Dsi Lu: "Wer einen älteren Manne trifft und dabei nicht seine Worte aufs sorgfältigste wählt in dessen Tür möchte ich nicht eintreten, auch wen es draußen stürmt und regnet. Deshalb erschöpft der Edle seine Fähigkeiten, um seine Ehrerbietung zu zeigen, der Gemeine jedoch macht es umgekehrt ' '

Meister Kung sagte zu Dsi Lu: "Der Edle regelt mit seiner Vernunft seine Sinnlichkeit und sieht den richtigen Mut in der unerschütterlichen Ausübung der Pflicht. Der Gemeine jedoch lenkt seine Vernunft mit seiner Sinnlichkeit und sieht in der Rücksichtslosigkeit den richtigen Mut. Deshalb heißt es: Wer nicht murrt wenn er zurückgesetzt wird, dem kann man folgen, wenn er hochkommt."

Meister Kung sagte: "Der Edle sorgt sich drei Dinge: Wenn er etwas noch nicht gehört hat dann sorgt er sich, daß er es nicht hören könnte. Wenn er etwas gehört hat dann sorgt er sich, daß er es sich nicht aneignen könnte. Wenn er sich etwas angeeignet hat dann sorgt er sich, daß er es nicht ausführen könnte. Der Edle schämt sich über fünf Dinge: Den entsprechenden Geist zu haben, jedoch nicht den richtigen Ausdruck zu finden, darüber schämt sich der Edle. Den Ausdruck in Worten zu haben, jedoch nicht in der Lage zu sein, dementsprechenden zu handeln, darüber schämt sich der Edle. Etwas erreicht zu haben und es anschließend wieder zu verlieren, darüber schämt sich der Edle. Land zu haben, jedoch nicht die entsprechende Bevölkerung, darüber schämt sich der Edle. Von einem Widersacher, dem man an Macht gleicht an Leistungen sich übertreffen zu lassen, darüber schämt sich der Edle.

Meister Kung sprach zu Dsi Lu: "Ein Edler, welcher auf seine Stärke pocht kommt vor der Zeit ums Leben, ein Gemeiner, welcher auf seine Stärke pocht verfällt dem Tod durch Henkershand ' ' In den Liedern von Bin steht: Ehe am Himmel schwarz die Regenwolken hingen, Sah man mich Maulbeerfasem bringen Fest um Türe und Fenster schlingen. Nun, du niedriges Geschlecht, Wagt einer Schmach auf mich zu bringen? Meister Kung sagte:"Wer nun sein Reich und Haus verwalten kann, dem kann keiner Schmach antun, auch wenn es einer wollte. Das Haus Dschouhat von Hou DsianVerdienst auf Verdienst gehäuft daß es zu Rang und Land kam. Der Fürst Liu verdoppelte durch seine Menschlichkeit diese Verdienste. Der große König Dan Fu zeigte eine so aufrichtige Bescheidenheit des Geistes, daß er eine Wurzel einpflanzte, welche sich auf lange Zeit hindurch als fest zeigte. Zuerst lebte der Große König in Bin, und die wilden Grenzstämme überfielen es. Da brachte er ihnen Pelze und Seidenzeug, doch das half ihm auch nichts. Nun brachte er ihnen Perlen und Edelsteine, doch.dies half ihm auch nichts. Darauf versammelte er die Ältesten des Landes und sagte zu ihnen: Was diese wollen ist mein Land. Ich habe sagen hören: Der Edle schädigt die Menschen nicht indem er ihnen wegnimmt wovon sie leben. Meine Kinder, was, wenn ihr keinen Herrn mehr habt? Dann ging er allein mit seiner Frau Da Giang weg. Er stieg über den Berg Liang und baute eine Stadt am Fuß des Berges Ki. Nun sagen die Leute von Bin: Dies ist ein menschlicher Fürst ihn dürfen wir nicht verlie ren. Sie folgten ihm in solchen Scharen, als ginge es zu wie auf einem Markte. Lange schon hatte der Himmel das Weltreich dem Hause Dschou zugedacht und die Leute vom Hause Yin waren abgefallen. Es ist ausgeschlossen, daß unter diesen Umständen das Königtum der Welt nicht erlangtwerden kann. Wie hätte Wu Geng, Schmach über dieses Reich bringen können?" In den Liedern von Pe steht: Er hielt die Zügel wie ein Band, Und die Renner tanzten durch den Sand. Meister Kung sagte: "Wer dieses Lied gemacht hat verstand sich auf die Regierung. Wer ein Band macht bedient den Webstuhl da und erzeugt das Muster dort. Das bedeutet daß man nur die Nächsten in Bewegung setzen muß, um die Fernsten beeinflussen zu können. Wer so das Volk regiert muß es notwendig schöpferisch beeinflussen'

Fan Tschi fragte, was Weisheit ist. Der Meister antwortete:"Man kann Weisheit nennen: Seiner Pflicht gegen die Menschen sich weihen, Dämonen und Götter ehren und ihnen fern bleiben." Er fragte, was Sittlichkeit ist. Er antwortete: "Man kann Sittlichkeit nennen: Der Sittliche setzt die Schwierigkeit nach vorne und den Lohn nach hinten.' Der Meister sagte: "Der Wissende erfreut sich am Wasser, der Fromme erfreut sich am Gebirge. Der Wissende ist bewegt der Fromme ist ruhig; der Wissende besitzt viele Freuden, der Fromme langes Leben'

Herzog Ai fragte Meister Kung: "Es heißt der Edle halte sich vom Brettspiel fern; ist das wahr?" Meister Kung antwortete: "Ja.' Der Herzog fragte: "Warum?" Der Meister sagte: "Da es zwei Möglichkeiten des Ziehens gestattet' Der Herzog fragte: "Weshalb soll man darum nicht das Brettspiel spielen, zuweil es zwei Arten von Zügen hat?" Der Meister erwiderte: "Da man dabei gleichzeitig auch den schlechten Weg wählen darf." Der Herzog erschrak. Nach einer Pause fragte er wiederum: "So grundsätzlich haßt also der Edle den schlechten Weg?" Meister Kung antwortete: "Wenn der Edle den schlechten Weg nicht so gründlich haßte, dann würde er auch den guten Weg nicht von Grund auf lieben. Falls er aber den guten Weg nicht von Grund auf liebt dann würde das Volk seinem Fürsten auch nicht von Grund auf zugetan sein. Im Buch der Lieder steht: Wenn ich meinen Herrn nicht sehe, Dann ist mein Herz von Trauer schwer. Wenn ich ihn aber sehen kann, Wenn ich ihn aber treffen kann, Dann wird mein Herz still. So sehr liebt das Buch der Lieder den guten Weg' Der Herzog sagte:"Wunderbar! Der Edle hilft dem anderen zum Guten, er verhilft ihm nicht zum Schlechten. Wenn Ihr, mein Meister, nicht zu mir gesprochen hättet dann hätte ich nie etwas darüber erfahren." Es lebte einst ein Mann in Sung, welchen der König von Sung nach Tsin schickte. Als er wegging, hatte er nur wenige Wagen, der König von Tsin aber hatte eine Freude an ihm, so daß er ihm hundert Wagen schenkte. Als er nun nach Sung zurückkam, besuchte er Dschuang Dsi und sagte: "In der elenden Gasse eines armen Dorfes zu leben in äußerster Dürftigkeit, mit Strohsandalen an den Füßen und im Gesicht verrunzelt und blaß: Dies ist mir freilich nicht gegeben. Den mächtigen Herrschern aber die Augen zu öffnen und mit einem Gefolge von hundert Wagen aufzutreten, das ist es, worauf ich mich verstehe ' ' Dschuang Dsi sagte: "Der König von 'Bin hatte eine Krankheit und er rief seine Ärzte. Der eine, welcher ihm seine Geschwüre aufschnitt und den Eiter ausdrückte, bekam einen Wagen; der andere, welcher ihm die goldene Ader leckte, bekam fünf Wagen. Je niedriger der Dienst um so mehr Wagen. Herr, wie müßt ihr die goldene Ader geleckt haben, damit Ihr so viele Wagen bekommen konntet! Geht weiter Herr!"

Herzog Ai fragte den Meister Kung: "Ich möchte imstande sein, mein Land, obwohl klein, zu verteidigen, und wenn es groß ist andre anzugreifen. Worauf kommt es dabei an?' Meister Kung erwiderte: "Wenn Fürst und sein Hof der Sitte entsprechen, wenn Oben und Unten einträchtig leben, dann ist alles Volk auf der Welt Euer Volk; wen braucht Ihr dann noch anzugreifen? Wenn Ihr diesem Grundsatz aber entgegenhandeln empört sich das Volk, als ginge es nach Hause, alle sind Eure Feinde: Auf wen wollt Ihr Euch da noch stützen zur Verteidigung?" Der Herzog sprach: "Sehr gut!" Daraufhin hob er die Jagd- und Fischverbote auf und schaffte die Zölle und Marktabgaben ab, um dem Volke Güte zu zeigen.

Die beiden Staaten Yü und Jui stritten um ein Gebiet, und ihr Streit zog sich über mehrere Jahre unentschieden hin. Da sprachen sie untereinander: "Der Markgraf des Westens ist ein gütiger Mann, wollen wir nicht zu ihm gehen und ihm die Sache zur Entscheidung vorlegen?" Als sie in sein Gebiet kamen, überließen die Pflügenden einander die Grenzraine, die Wanderer ließen einander auf der Straße den Vortritt. Als sie in die Hauptstadt kamen, gingen Männer und Frauen auf verschiedenen Seiten der Straße, und Grauhaarige brauchten keine Lasten zu tragen. Als sie an den Hof kamen, ließen die Ritter den Großbeamten den Vortritt und die Großbeamten ließen den Ministern den Vortritt. Da sprachen die Herrscher von Yü und Jui zueinander: "Ei, sind wir doch minderwertige Menschen und nicht wert am Hofe eines edlen Mannes zu stehen.' Mit diesen Worten zogen sie sich beide zusammen zurück und ließen das strittige Gebiet herrenlos liegen. Meister Kung sprach: "Dieses Beispiel zeigt daß der Weg des Königs Wen unübertrefflich war. Er brauchte nicht zu befehlen, und man folgte ihm. Er brauchte nicht zu lehren, und man hörte auf ihn. Das ist das höchste."

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