|
Chinesische
Weisheiten Liae Dsi (6. - 5. Jh. v. Chr.)
Im Buche des Herrn der gelben Erde heißt es: "Der höchste Mensch verweilt wie ein Leichnam und bewegt sich wie in Fesseln, weder weiß er, weshalb er verweilt noch weshalb er nicht verweilt. Weder weiß er, weshalb er sich bewegt noch weshalb er sich nicht bewegt. Weder vor den Blicken der Menge ändert er sein äußeres Benehmen, noch kann man von ihm sagen, daß, wenn er den Blicken der Menge entzogen ist, er sein äußeres Benehmen nicht verändert. Einsam geht einsam kommt er, einsam äußert er sich, einsam zieht er sich in sich zurück. Wer kann ihn daran hindern?" Vier Menschenarten wandern miteinander auf der Welt
umher: Verschlagene und Reizbare, Zurückhaltende und Heftige. Jeder
geht seinen Zielen nach und sie verstehen bis ans Ende der Tage
gegenseitig ihre Gefühle nicht; jeder hält seine Weisheit für die
tiefste. Vier Menschenarten wandern miteinander auf der Welt umher:
Redegewandte und Einfältige, Alberne und Kriecher. Jeder geht seinen
Zielen nach und sie verkehren bis ans Ende der Tage nicht miteinander;
jeder hält seine Kunst für die feinste. Vier Menscharten wandern
miteinander auf der Welt umher: Heimtückische und Unverschämte,
Voreilige und kalte Spötter. Jeder geht seinen Zielen nach und sie
bringen bis ans Ende der Tage einander nicht zur Besinnung; jeder
denkt daß sein Verstand es erfaßt habe. Vier Menschenarten wandern
miteinander auf der Welt umher: Heuchler und Aufdringliche, Tollkühne
und Zaudernde; jeder hält seinen Wandel für tadellos. Vier Menschenarten
wandern miteinander auf der Welt umher: Gesellschaftsmenschen und
Selbstgewisse, Tyrannen und Vereinsamte. Jeder geht seinen Zielen
nach und sie beachten bis ans Ende der Tage einander nicht; jeder
hält sich für zeitgemäß. Dies ist der Zustand der Menge. Ihr Äußeres
ist vielgestaltig, doch folgen sie alle den ewigen Gesetzen und
sind dem Schicksal unterworfen. Das beinah Vollkommene ist dem Vollkommenen ähnlich;
es ist jedoch von Anfang an unvollkommen. Das beinah Verkommene
ist dem Verkommenen ähnlich; es istjedoch von Anfailg an nicht verkommen.
So entsteht Betörung aus der Ahnlichkeit. Die Grenzen solcher Ähnlichkeiten
sind verschwommen. Derjenige, der das Ähnliche ungetrübt zu unterscheiden
vermag, fürchtet kein äußeres Unheil und freut sich keines inneren
Glücks. Wann die rechte Zeit ist zu wirken, und wann die rechte
Zeit ist innezuhalten, kann auch der Weiseste nicht wissen. Wer
sich dem Schicksal ergibt betrachtet die Außenwelt und das eigne
Selbst mit gleichen Gefühlen. Wer der Außenwelt und dem eignen Ich
mit verschiedenen Gefühlen gegenübersteht ist noch nicht so weit
wie einer, welcher mit verbundenen Augen und mit verstopften Ohren
dasteht im Rücken eine Felswand und vor sich einen Sumpfgraben,
und doch nicht hineinstürzt. Deshalb heißt es: Tod und Leben kommen
vom Schicksal, Armut und Mißerfolg hängen von der Zeit ab. Wer über
ein vorzeitig abgebrochenes Leben murrt der kennt das Schicksal
nicht. Wer über Armut und Mißerfolg murrt der kennt die Zeit nicht.
Im Tode nicht zagen, unter Mißerfolg nicht trauern: Das bedeutet
das Schicksal kennen und sich der Zeit fügen. Menschen, die viel
Weisheit haben, ermessen Gewinn und Schaden, beurteilen, was nichtig
und was wirklich ist und berechnen die Gefühle der Menschen. Zur
Hälfte erreichen sie ihr Ziel, zur Hälfte nicht. Menschen mit wenig
Weisheit ermessen nicht Gewinn und Schaden, beurteilen nicht was
nichtig und was wirklich ist und berechnen nicht die Gefühle der
Menschen. Zur Hälfte erreichen sie ihr Ziel, zur Hälfte nicht. Was
ist deshalb der Unterschied zwischen Ermessen und Nichtermessen,
zwischen Beurteilen und Nichtbeurteilen, zwischen Berechnen und
Nichtberechnen? Nur der, der nichts ermißt und alles ermißt erreicht
das Vollkommene und hat keinen Verlust und doch kennt er nicht die
Vollkommenheit noch den Verlust; denn Vollkommenheit Nichtsein,
Verlust beruhen alle auf sich selber. Yü Hiung sprach: "Der Kreislauf hört nicht auf.
Wer merkt aber die verborgenen Veränderungen von Himmel und Erde?
Wenn die Dinge auf der einen Seite verringert werden, werden sie
auf der anderen Seite vermehrt; wenn sie hier voll werden, nehmen
sie dort ab. Verringerung und Nermehrung, Vollwerden und Abnehmen
werden stets erzeugt und hören stets auf, ihr Gehen und Kommen ist
miteinander durch unsichtbare Über gänge verbunden. Wer merkt es
wohl? Überall nimmt eine Kraft nicht plötzlich zu, nimmt eine Form
nicht plötzlich ab, deshalb bemerkt man auch ihr Vollwerden und
Abnehmen nicht. Es ist wie bei dem Menschen, der sich von Geburt
bis zum Alter im äußeren Aussehen und im Stand seiner Erkenntnis
täglich verändert: Haut Nägel und Haare werden stets erzeugt und
fallen stets ab. Es gibt kein Stillstehen auf der Stufe der Kindheit
ohne Veränderung. Die Übergänge sind unmerklich; erst hinterher
erkennt man es'
Guan Yin Hi sprach: "Wer nicht an seinem Eignen
haftet, dem tut sich die Leiblichkeit und die Außenwelt kund. In
seinen Handlungen ist er wie das Wasser. In seiner Ruhe ist er wie
ein Spiegel. In seinen Gegenwirkungen ist er wie ein Echo. Deshalb
ist sein Urgrund des Seins Abbild der Außenwelt. Die Außenwelt widerstrebt
wohl ihrerseits dem Urgrund des Seins, aber der Urgrund des Seins
wiederstrebt nicht der Außenwelt. Deshalb bedarf der, der sich auf
diesen Urgrund des Seins versteht nicht des Ohrs, noch des Auges,
noch der Stärke, noch des Bewußtseins. Wer diesen Urgrund des Seins
begehrt und ihn sucht mit Auge und Ohr, mit der Leiblichkeit und
mit Erkenntnis, ist auf falscher Fährte. Er starrt nach vorne, und
plötzlich ist er hinter ihm. Gebraucht man ihn, erfüllt er alle
Leere, tut man ihn ab, weiß man nicht wo er geblieben ist. Er ist
weder fern, so daß man ihn durch bewußtes Suchen finden könnte,
noch ist er nahe, so daß man ihn durch unbewußten Zufall finden
könnte. Nur schweigend erlangt man ihn. Nur wer sein Wesen zur Vollendung
gebracht, erlangt ihn. Erkennen ohne Leidenschaft, Vermögen ohne
Handlungen ist wahres Erkennen und wahres Vermögen. Wer die Aufhebung
des Erkennens in sich entwickelt kann der noch leidenschaftlich
sein? Wer die Beseitigung des Vermögens in sich entwickelt kann
der sich noch in Handlungen verstricken? Wer Irdisches sammelt und
Staub aufhäuft ist auch wenn er Geschäftigkeit meidet noch nicht
zur wahren Vernunft durchgedrungen.
Ein Sprichwort aus Dschou sagt: "Durch Sitzen kann
man den Bauer umbringen.' Morgens geht er hinaus, nachts kommt er
zurück und er selber sieht darin die unabänderliche Naturordnung.
Er löffelt seinen Bohnenbrei, ißt seine Kräuter und Wurzeln und
hält diese für die feinsten Gerichte. Seine Muskeln sind rauh und
dick; seine Sehnen und Gelenke sind verzogen und steif. Kann er
auch nur einen Morgen lang in einem weichen Bett mit seidenen Vorhängen
liegen und reicht man ihm feinen Reis mit Fleisch, Orchideen und
Apfelsinen, so wird ihm übel zu Mut; sein Leib wird unruhig, er
bekommt Fieber und wird krank. Wenn die Fürsten von Schang und Lu
in dieselbe Lage wie ein Bauer gebracht würden, so könnten sie's
auch keine Stunde lang aushalten, ohne zu ermatten. Deshalb ist
den gemeinen Leuten in dem, durch was sie sich befriedigt fühlen
und was sie für schön ansehen, auf der ganzen Welt niemand über.
Es war einmal ein Bauer im Staate Sung, welcher grobe, hänfene Kleider
trug, so daß er sich kaum durch den Winter brachte. Als der Frühling
kam, ging er aufs Feld hinaus um zu arbeiten und wurde warm im Sonnenschein.
Er wußte gar nicht daß es auf der Weltweite Hallen und warme Häuser,
prächtige Kleider und Fuchsund Dachspelze gibt. Deshalb sagte er
zu seinem Weib: "Wenn einem die Sonne auf den Rücken scheint wird
man warm; das hat noch kein Mensch entdeckt. Das Mittel will ich
unserem Herrn anbieten, dieser wird mich sicher reichlich dafür
belohnen.' Ein reicher Mann in seinem Ort sprach da zu ihm: "Es
war einmal ein Mann, dem schmeckten wilde Bohnen, und er hielt Nesselstengel,
Sellerie und Wasserlinsen für vorzüglich und lobte sie vor den angesehenen
Männern des Orts. Die angesehenen Männer nahmen davon und kosteten,
es brannte sie aber im Mund und verursachte ihnen Leibgrimmen; alle
lachten ihn aus und verachteten ihn, und er schämte sich gewaltig
darob. Ihr seid wohl auch so einer von dem Schlag' Yau wartete über dem Erdkreis fünfzig Jahre lang
und wußte nicht ob der Erdkreis in Ordnung oder nicht in Ordnung
sei, ob die Millionen sich ihm willig fügten oder nicht. Er wandte
sich deshalb fragend an seine Umgebung. Diese wußte es nicht. Er
fragte die von außen an seinen Hofe kamen, aber auch sie wußten
es nicht. Er fragte die auf den Feldern, aber auch sie wußten es
nicht. Da ging Yau in ärmlicher Kleidung auf Wanderschaft. In Kang
Kü hörte er die Kinder ein Gassenlied singen: "Unsre vielen Volksgenossen
Kommen ohne Arg zum Ziele. Ohne alles eigene Wissen Folgen sie des
Herren Willen' Yau war erfreut und fragte: "Wer hat euch dieses
Lied beigebracht?" Die Knaben antworteten: "Wir haben es vom Vogt
gehört.' Er fragte den Vogt, der antwortete: "Das ist ein altes
Lied." Yau kehrte heim zu seinem Schloß. Er rief den Schun und übergab
ihm den Erdkreis. Schun weigerte sich nicht und nahm an. Meister Liä Dsi sprach: "Die alten Weisen sahen
das Lichte und das Finstere als Grundursache der Welt. Alles Körperliche
aber entsteht aus Unkörperlichem; so muß auch die Welt diesen Ursprung
haben. Deshalb sage ich: Es gibt eine Urwandlung, einen Uranfang,
ein Urentstehen, eine Urschöpfung. Die Urwandlung ist der Zustand,
worin die Kraft sich noch nicht äußert. Der Uranfang ist der Zustand,
in dem die Kraft entsteht. Die Urentstehung ist der Zustand, in
dem die Form entsteht. Die Urschöpfung ist der Zustand, in dem der
Stoff entsteht. Den Zustand, wo Kraft und Stoff noch ungetrennt
durcheinander sind, nennt man Dasein. Dasein bedeutet den Zustand,
in dem die Dinge miteinander und durcheinander sind und noch kein
gesondertes Fürsichsein haben. Sieht man darauf, so sieht man nichts,
hört man danach, so hört man nichts verfolgt man es, so erhält man
nichts; deshalb heißt es das Wandelbare. Als das Wandelbare hat
es keine Schranke der Form. Das Wandelbare wechselt und wird Eins.
Die Eins wechselt und wird Sieben. Die Sieben wechselt und wird
Neun. Die Neun ist der Endpunkt des Wechsels. Sie wechselt aber
noch einmal und wird wieder Eins. Diese Eins ist die Entstehung
der wechselnden Formenwelt. Reines und Leichtes steigt empor und
wird zum Himmel. Trübes und Schweres senkt sich herab und wird zur
Erde. Das, von dem die einigende Kraft ausstrahlt, wird Mensch.
Darum enthalten Himmel und Erde den Samen, aus dem alle Dinge durch
Wandlung erzeugt werden'
Am Anfang liebte es Meister Liä Dsi zu wandern.
Hu Kiu Dsi sagte: "Du liebst zu wandern. Was ist am Wandern liebenswert?"
Liä Dsi antwortete: "Die Lust des Wanderns ist daß man Zwecklosigkeit
genießt. Die Menschen wandern, um zu schauen, was sie sehen; ich
aber wandere, um den Wechsel zu schauen. Wandern und wandern: Es
gab noch niemand, der das Wandern unterscheiden konnte ' " Hu Kiu
Dsi sagte: "Dein Wandern gleicht wahrlich dem der andern, und doch
behauptest du, daß es von dem der andern wahrlich verschieden sei.
Aber bei allem, das man sieht sieht man ständig auch den Wechsel.
Du genießt die Zwecklosigkeit der Außenwelt aber du hast jedoch
die Zwecklosigkeit des eignen Ichs noch nicht erkannt. Wer auf das
Außere beim Wandern achtet versteht nicht, aufs Innere zu achten.
Der Wandrer, welcher nach außen schaut sucht die Vollkommenheit
bei den Dingen. Wer nach innen schaut findet Genüge im eignen Selbst.
Genüge im eignen Selbst zu finden, dies ist die höchste Stufe des
Wanderns. Vollkommenheit bei den Dingen zu suchen, dies ist jedoch
noch nicht die höchste Stufe des Wandems.' Darauf wollte Liä Dsi
sein ganzes Leben lang nicht mehr hinaus und dachte bei sich selbst,
daß er das Wandern nicht verstehe. Hu Kiu Dsi sagte:"Wandre zum
höchsten Ziel! Wer dieses Ziel des Wanderns erreicht, weiß nicht
mehr, wohin es geht; wer das Ziel des Schauens erreicht jener weiß
nicht mehr, was er sieht. Er begegnet auf seiner Wanderschaft allen
Dingen. Alle Dinge schaut er so. Dies ist es, was ich wandern nenne,
dies ist es, was ich sehen nenne. Deshalb sage ich: Wandre zum höchsten
Ziel! Wandre zum höchsten Ziel!" Yang Dschu sagte: "Der Mensch ist das Ebenbild von
Himmel und Erde und vereinigt in sich die Natur der fünf Elemente.
Von allen Lebewesen hat der Mensch am meisten Vernunft und dennoch
ist der Mensch so beschaffen, daß er sich nicht auf seine Nägel
und Zähne zu seiner Verteidigung verlassen kann; denn Muskeln und
Haut sind nicht stark genug, um Widerstand zu leisten; er kann nicht
schnell genug laufen, um einem Schaden zu entgehen; er hat keine
Haare oder Federn, um sich vor Kälte und Hitze zu schützen. Zu seiner
Ernährung braucht er die Außenwelt; er muß dabei aber seinen Verstand
benützen und kann sich nicht auf seine Kraft verlassen. Deshalb
hält er seinen Verstand hoch, da ihm die Erhaltung des eignen Ichs
wertvoll scheint und er die rohe Kraft gering schätzt da die Vergewaltigung
der Dinge der Außenwelt minderwertig erscheint. Trotzdem haben wir
unser Ich nicht in unserer Hand; einmal geboren, dann wächst es
sich mit Notwendigkeit aus. Ebensowenig haben wir das Nicht-Ich
in unserer Hand; haben wir es auch einmal besessen, geht es mit
Notwendigkeit doch wieder verloren. Das Leben hängt jedoch vom Ich
ab, aber die Ernährung hängt ebenso vom Nicht-Ich ab. Auch wenn
unser Ich in voller Blüte des Lebens steht ist es doch nicht möglich,
daß wir es in die Hand bekommen; auch wenn wir mit dem Nicht-Ich
in Verbindung bleiben, ist es nicht möglich, daß wir es in die Hand
bekommen. Wer das Nicht-Ich und sein eignes Ich in der Gewalt hätte,
der könnte willkürlich über alles verfügen, was in der Welt Ich
und Nicht-Ich ist; aber das könnte wohl nur ein Berufener. Wer sich
mit jedem Ich und mit jedem Nicht-Ich in der Welt in eins setzen
könnte, der wäre der vollkommene Mensch, - ja das ist die Vollkommenheit
der Vollkommenheit' Yang Dsi sprach: "Vier Gründe gibt es, daß die
lebenden Menschen nicht zur Ruhe kommen: einer ist das lange Leben,
der zweite ist Ruhm, der dritte ist Rang und Stand, und der vierte
ist Besitz. Um dieser vier Dinge willen fürchten sie Geister, fürchten
sie Menschen, fürchten sie Macht und fürchten sie Strafe. Die das
tun sind Menschen, die nicht zur Besinnung kommen. Man kann sie
töten, oder sie am Leben lassen: ihr Schicksal wird von außen bestimmt.
Wer seinem Los nicht widerstrebt was braucht er hohes Alter begehren?
Wer sich nicht um Ansehen kümmert, was braucht er Ruhm begehren?
Wer nicht nach Macht trachtet was braucht er Rang und Stand begehren?
Wer nicht nach Reichtum gierig ist was braucht er Besitz begehren?
Die solches tun, sind mit sich selbst im reinen. Auf der ganzen
Welt haben sie keinen Gegner; ihr Schicksal wird von innen bestimmt.
Darum heißt ein Sprichwort: Leute ohne Ehr und Amt Sind nur zur
halben Last verdammt schafft man Speis' und Kleidung ab, gräbt man
der Staatsgewalt ihr Grab." Der Landmann nützt die Jahreszeiten;
der Kaufmann strebt nach Gewinn; der Arbeiter sucht nach Kunstgriffen;
der Beamte nützt seine Macht: darin äußert sich die Willenskraft.
Dem Landmann wird jedoch Regen oder Trockenheit zuteil, dem Kaufmann
Gewinn oder Verlust dem Beamten Erfolg oder Mißerfolg: darin äußert
sich das Schicksal. Schun fragte den Dscheng und sprach: "Kann man sich
den Sinn des Weltgeschehens zu eigen machen?" Der sprach: "Nicht
einmal dein Leib ist dein Eigentum, wie willst du dir da den Sinn
zu eigen machen?" Schun sprach:"Wenn mein Leib nicht mein Eigentum
ist, wessen Eigentum ist er denn dann?" Jener sprach:"Er ist die
Form, die Himmel und Erde dir zugeteilt haben. Dein Leben ist nicht
dein eigen, es ist das Gleichgewicht der Kräfte, das Himmel und
Erde dir zugeteilt haben. Deine Natur und dein Schicksal sind nicht
dein eigen, sie sind der Lauf, den Himmel und Erde dir zugeteilt
haben. Deine Söhne und Enkel sind nicht dein eigen, sie sind die
Überbleibsel, die Himmel und Erde dir zugeteilt haben. Darum: wir
gehen und wissen nicht wohin, wir bleiben, und wissen nicht wo,
wir essen und wissen nicht warum: das ist die starke Lebenskraft
von Himmel und Erde: wer kann die sich zu eigen machen?" Meister Yän sprach: "Wie schön dachten die Alten
vom Tod: Die Guten bringt er zur Ruhe, die Schlechten bringt er
zur Unterwerfung. Der Tod ist die Rückkehr des Wesens. Die Alten
nannten so die Verstorbenen die Heimgegangenen. Wenn man von den
Verstorbenen als von Heimgegangenen redet dann sind die Lebenden
Wanderer. Wer wandert und nicht weiß wohin, ist heimatlos. Wenn
ein einzelner Mensch seine Heimat verloren hat hält dies die ganze
Mitwelt für unrecht. Da aber die ganze Welt ihre Heimat verlor,
findet es niemand Unrecht. Wenn ein Mensch aus seiner Heimat läuft
seine Verwandten verläßt sein Vermögen verpraßt in alle Himmelsrichtungen
wandert und nicht heimkehrt wahrlich: was ist dies für ein Mensch!
Die Welt hält ihn sicher für einen Verlorenen. Da ist ein anderer
Mensch, der das äußere Leben wichtig nimmt geschickt sich einen
Namen macht großartig in der Welt auftritt und keine Grenzen kennt
wahrlich: was ist auch der für ein Mensch! Aber die Welt hält ihn
sicher für einen weisen und klugen Herrn. Beide sind jedoch Verlorene.
Doch die Welt billigt den einen und verwirft den anderen, und nur
der Berufene weiß, was zu billigen und was zu verwerfen ist' Hundert Jahre beträgt ungefähr ein langes Leben,
aber nicht einer unter tausend erreicht dieses Alter. Angenommen,
es gäbe einen solchen, dann nimmt die Zeit von der unentwickelten
Kindheit bis zum geistesschwaeben Alter ungefähr die Hälfte davon
ein. Die Zeit welche man nachts schlafend verbringt und welche man
tagsüber wachend vergeudet beträgt wieder ungefähr die Hälfte des
Restes. Schmerz, Krankheit, Jammer und Elend, Verluste, Kummer und
Angst machen weiter die Hälfte der übrigen Zeit aus. Man kann annehmen,
daß nur etwas über zehn Jahre übrig bleiben, die der Mensch frei
genießen kann, aber er hat keine einzige Stunde, in der er frei
von jeder Sorge wäre. Durch Strafen und Belohnungen werden die Menschen
gehemmt und angefeuert durch Ruhm und Gesetze angetrieben und zurückgehalten,
so daß sie in beständiger Erregung sind. Indem sie sich um den eiteln
Ruhm einer Stunde abmühen und für den Glanz, der ihren Tod überdauern
soll, Sorge tragen, gehen sie einsam ihres Weges. Eifrig achten
sie auf das, was Augen und Ohren sehen und hören, und prüfen genau,
was ihrem Körper und ihrem Geiste zuträglich ist. Dabei aber verlieren
sie die glücklichsten Augenblicke der Gegenwart und vermögen sich
nicht einmal für eine Stunde frei ihren Gefühlen hinzugeben. Wie
unterscheiden sie sich von kettenbeladenen Sträflingen? Dsi Gung war des Lernens müde und sagte zu Kung
Kiu:"lch möchte Ruhe finden.' Kung Kiu sprach:"Das Leben hat keine
Ruhe" Dsi Gung fragte: "Dann gibt es also für mich keine Ruhe?"
Kung Kiu antwortete: "0 doch; sieh dort im Brachfeld alle Gräber,
dann weißt du, wo es Ruhe gibt" Dsi Gung sprach: "Wahrlich, groß
ist der Tod; die Edle'n bringt er zur Ruhe, die Gemeinen zur Unterwerfung.'
Kung Kiu sprach: "Dsi, du hast es erkannt. Die Menschen im allgemeinen
wissen nur, daß das Leben eine Freude ist nicht aber, daß es auch
bitter ist. Sie wissen nur, daß das Alter hinfällig ist nicht aber,
daß.es auch friedlich ist. Sie wissen nur, daß der Tod ein Übel
ist nicht aber, daß er auch Ruhe gibt'
Unter den Leuten von We lebte ein Mann namens Wu
vom Osttor. Als sein Sohn starb, wurde er nicht traurig. Da sagte
sein Hausverwalter zu ihm: "Auf der ganzen Welt gibt es keinen Menschen,
der seinen Sohn so liebt wie Ihr. Nun da Euer Sohn gestorben ist
seid Ihr gar nicht traurig?" Wu vom Osttor sprach: "Es gab eine
Zeit wo ich immer ohne Sohn war, und in jener Zeit wo ich noch keinen
Sohn hatte, war ich auch nicht traurig. Nun da mein Sohn gestorben
ist ist es wieder ebenso wie früher, als ich noch keinen Sohn hatte.
Warum sollte ich also traurig sein?"
Lung Schu wandte sich an Wen Dschi und fragte:",Eure
Kunst ist groß. Ich habe eine Krankheit könnt Ihr sie heilen?" Wen
Dschi antwortete: "Ich stehe zu Eurer Verfügung. Doch sagt mir zuerst
die Zeichen Eurer Krankheit' Lung Schu sagte: "Das Lob meiner Mitbürger
bedeutet für mich keine Ehre. Der Tadel meiner Landsleute bedeutet
mir keine Schande. Gewinn freut mich nicht. Verlust betrübt mich
nicht. Leben und Tod sind mir eins. Reichtum und Armut ist mir gleich.
Die Menschen sind für mich nichts mehr als Schweine, ich bin nicht
mehr wert als andre. Ich lebe in meiner Heimat wie in einer Herberge
auf der Wanderschaft. Mein Vaterland ist für mich wie ein fremdes
Land. Unter diesem allem leide ich. Titel und Lohn ist mir kein
Ansporn. Strafen und Bußen schrecken mich nicht ab. Wohlergehen
und Verfall, Gewinn und Schaden verändern mich nicht. Freude und
Trauer wandeln mich nicht. Deshalb bin ich nicht zum Fürstendienst
geeignet weder zum Verkehr mit Verwandten und Freunden, noch zum
Walten über Weib und Kind, zum Herrschen über Diener und Knechte.
Wie heißt diese Krankheit und wodurch kann sie geheilt werden?"
Wen Dschi ließ Lung Schu mit dem Rücken zum Licht stehen. Er sah
ihn vom Innern gegen das Licht an. Darauf sagte er: "Ei, ich sehe
Euer.Herz; seine Stelle ist ganz leer. Fast ein Heiliger! Sechs
Offnungen Eures Herzens münden ins All, und nur eine Öffnung geht
nicht durch. Heute hält man heilige Weisheit für eine Krankheit.
Dies mag es wohl sein. Dies ist aber nicht etwas, was meine geringe
Kunst zu heilen vermag' Im Reich Dschou lebte einst ein Mann namens Yin,
welcher über große Güter wartete. Seine Diener und Knechte hatten
bei Tag und Nacht keine Ruhe. Er hatte einen alten Knecht welcher
schwach und gebrechlich war; diesen ließ er um so mehr sich anstrengen.
Bei Tage verrichtete der Knecht keuchend seine Arbeit. Am Abend
war er erschöpft und schlief fest. Sein Geist wurde frei, und er
träumte jede Nacht er wäre ein König und herrsche über viele Untertanen.
Die Geschäfte des ganzen Reiches lagen in seiner Hand. Er lustwandelte
in Palästen und Galerien und genoß, was sein Herz begehrte. Seine
Wonne war unvergleichlich. Wenn er aufwachte, war er wieder Knecht.
Als ihn einmal jemand wegen seines Mühsals bemitleidete, sagte der
alte Knecht: "Auch wenn der Mensch hundert Jahre lebt so sind sie
doch alle in Tag und Nacht geteilt. Bei Tag bin ich ein Sklave.
Wenn es Mühe ist gut dann ist es Mühe. Bei Nacht bin ich König,
dessen Wonnen unvergleichbar sind. Was soll ich da klagen?" Herr
Yin aber hatte in seinem Herzen viel Arbeit mit weltlichen Geschäften
und viele Sorgen, um seinen Besitz zu vermehren. So wurde er müde
an Seele und Leib. Nachts war er erschöpft und schlief ein. Er träumte
jede Nacht er sei ein Knecht welcher herumlaufen und jeden Dienst
verrichten müßte. Scheltworte und Stockstreiche gab es: nichts wurde
ihm erspart. Er stöhnte und keuchte im Schlafe, und erst wenn der
Morgen nahte, kam er zur Ruhe. Als Herr Yin einmal einen Freund
über sein Leiden befragte, antwortete der Freund: "Deine Stellung
gibt dir genug Ehren; Schätze und Reichtum hast du im Überfluß.
Du bist weit besser dran, als andre Menschen. Wenn du bei Nacht
träumst du wärest ein Knecht dann entspricht das der allgemeinen
Erfahrung, daß Freud und Leid sich der Bestimmung nach abwechseln.
Du könntest es im Wachen und Schlafen gleich gut haben; aber das
wird niemandem zuteil' Herr Yin hörte die Rede seines Freundes.
Er erleichterte die Arbeit seines Knechts und verringerte die Geschäfte,
welche im Sorgen machten. So wurde seine Krankheit etwas besser.
Yang Dschu sagte:"Bequeme Wohnungen, schöne Kleider,
feine Speisen und schöne Frauen: Wer diese Dinge hat muß der noch
mehr begehren? Wer sie hat und noch mehr begehrt, der ist unersättlich;
eine unersättliche Natur ist jedoch wie eine Made im Haushalt der
Welt. Pflichttreue ist keineswegs ausreichend, wenn man dem Herrn,
dem man dient Ruhe verschafft; sie ist jedoch völlig ausreichend,
das eigne Ich in Gefahr zu bringen. Uneigennützigkeit reicht keineswegs
aus, den Mitinenschen zu nützen; sie ist jedoch völlig ausreichend,
das eigne Leben zu schädigen. Erst wenn die Oberen Ruhe finden,
ohne auf Pflichttreue angewiesen zu sein, dann verblaßt der Ruhm
der Pflichttreue; erst wenn die Mitmenschen ihren Nutzen finden,
ohne auf ihre gegenseitige Uneigennützigkeit angewiesen zu sein,
dann hört der Ruhm der Uneigennützigkeit auf. Daß Fürsten und Untertanen
die Mitwelt und das eigne Ich miteinander Ruhe finden: das war der
Sinn des Altertums' Meister Yü sagte: "Die, die den Namen ablegen, haben
keine Sorgen.' Lau Dan sprach: "Der Name ist der Gast der Wirklichkeit"
Weit und breit rennt aber alles unaufhörlich dem Namen hinterher.
Den Namen darf manjedoch nicht ablegen; den Namen darf man jedoch
nicht nur als Gast betrachten, denn wer heute einen Namen ha4 dieser
ist geehrt und herrlich; wer keinen Namen hat jener ist niedrig
und verachtet. Wer geehrtund herrlich ist hat Freude und Wonne;
wer niedrig und verachtet ist hat Kummer und Bitternis. Kummer und
Bitternis widerstreben der Natur; Freude und Wonne entsprechen der
Natun Dies sind sehr wirkliche Zusammenhänge. Warum also den Namen
ablegen? Warum also den Namen als Gast behandeln? Man hasse es jedoch
den Namen festzuhalten und damit die Wirklichkeit zu beeinflussen.
Wer den Namen festhält und damit die Wirklichkeit beeinflußt wird
einst darüber klagen, daß er sich unrettbar in Gefahr und Verderben
gestürzt. Wahrlich, man verharre nicht untätig, unentschieden zwischen
Freude und Wonne und Kummer und Bitternis. Yang Tschu sagte: "Be Tscheng Dsi Gau gab nicht ein Haar, um der Außenwelt zu nützen. Er ließ sein Reich im Stich und pflügte in Verborgenheit sein Feld. Der Große Yü gab sein ganzes Ich hin, ohne sich zu nützen. Sein ganzer Leib verrunzelte davon. Die Menschen des Altertums gaben kein Haar, auch wenn sie damit der ganzen Welt hätten nützen können. Umgekehrt wenn alle in der Welt ihnen huldigen wollten, nahmen sie es nicht an. Kein einziger gab ein Haar, kein einziger nützte die Gesamtheit und die Gesamtheit war in Ordnung' ' Meister Kin fragte Yang Dschu:"Würdet Ihr auf ein einziges Härchen Eures Leibes verzichten, wenn Ihr damit der ganzen Welt aufhellen könnten?" Meister Yang antwortete: "Der Welt kann unmöglich mit einem Haar geholfen werden.' Meister Kin fragte: "Nehmen wir an, es wäre so: würdet ihr es tun?" Meister Yang antwortete nicht. Meister Kin entfernte sich und redete mit Meng Sun Yang darüber. Meng Sun Yang sagte: "Ihr versteht den Sinn des Meisters nicht. Darf ich es erklären? Würdet Ihr bereit sein, Euch die Haut ritzen zu lassen, wenn Ihr zehntausend Goldstücke dafür bekommen würdet?" Er antwortete: "Ich würde es tun" Meng Sun Yang fragte: "Würdet Ihr bereit sein, Euch ein Glied abhacken zu lassen, wenn Ihr ein Königreich dafür bekommen würdet?" Meister Kin sagte nichts. Nach einer Weile sagte Meng Sun Yang: "Ein Haar ist weniger als Haut Haut ist weniger als ein Glied, dies ist klar. Aber es handelt sich in dem Verhältnis von Haar und Haut von Haut und Gliedern nur um ein Weniger oder Mehr. Ein Haar freilich ist nur der zehntausendste Teil des ganzen Leibes, warum aber soll man auch nur diesen einen Teil gering achten?" Meister Kin sagte: "Ich kann Euch nichts erwidem. Die Sache jedoch steht so, wenn man Eure Worte Lau Dan und Guan Yin vorlegt die würden Euch recht geben, wenn man aber meine Worte Mo Di und dem Großen Yü vorlegte, die würden mir recht geben.' Meng Sun Yang wandte sich daraufhin an seine Jünger und redete von anderen Dingen.
Hier meine Bücher im Internet, oder bestellen Sie mit der entsprechenden ISBN - Nr. beim nächsten Buchhandel.
Sonderangebote direkt vom Autor:
|